Kapital Verbrechen |
Düstere Zukunft, glorreiche Vergangenheit |
oder (ganz einfach): der Ball ist rund |
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Inhaltsverzeichnis |
| Kapitel 1 : Einleitung |
| Kapitel 2 : Mythen sind gut für's Geschäft |
| Kapitel 3 : Undeutscher Erfolg |
| Kapitel 4 : Fußball unter Verwertungszwang |
| Kapitel 5 : Fußball ist auch Politik |
| Kapitel 6 : Seltsame Spiele unter dem Zuckerhut |
| Kapitel 7 : Schluß |
| Anmerkungen zum Sendemanuskript |
EinleitungJingle Alltag und Geschichte In einer Woche haben wir sie wieder die
Fußball Ist auch der Fußball inzwischen eine gigantische Finanzblase, die wie ein Aktienboom womöglich im Desaster endet? Nicht auszuschließen. Meine heutige Sendung befaßt sich jedoch nicht nur mit den Aspekten des modernen durchkapitalisierten Geschehens auf den Fußballplätzen und Finanzmärkten. Im vergangenen Herbst sind im Verlag Die Werkstatt und im Agon Sportverlag vier spannende Bücher rund um die Geschichte des Fußballs herausgekommen. Diese möchte ich heute vorstellen. Und zwar:
Auf einen informativen Übersichtsband zum Thema Frauenfußball warte ich bis jetzt allerdings vergebens. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt ist Walter Kuhl. |
Mythen sind gut für's GeschäftSchuldenberg trotz Umsatzrekord titelte vor kurzem das Darmstädter Echo und sprach von einem düsteren Zukunftsbild des europäischen Fußballs [1]. Der Geschäft brummt zwar, aber die Einnahmen sind alles andere als sicher, selbst bei den Spitzenverdienern der Branche. So scheint ein Verein wie beispielsweise Borussia Dortmund auf eine zusätzliche Finanzspritze von angeblich 80 bis 100 Millionen Euro angewiesen zu sein. Dafür sollen die Einnahmen der nächsten Jahrzehnte verpfändet werden. Ein ungedeckter Wechsel auf eine unsichere Zukunft. Denn die Fernsehgelder fließen nicht mehr so satt wie noch vor der
Kirch Gerhard Aigner, bis Ende letzten Jahres [2003] Generaldirektor der UEFA, sprach zum Abschied [von diesem Amt] einige warnende Worte. Er prangerte die Vereine an, die den Erfolg zu kaufen versuchten und anderen Vereinen die Luft abdrehen würden. Dieser Egoismus führe zu einem Wettlauf mit dem Tod; und diesen könne man nun einmal nicht gewinnen [2]. Was Aigner hierbei vergißt, ist der Sinn des Fußballs. Dieser liegt aller gegenteiligen Bekundungen zum Trotz nicht auf dem Fußballplatz. Das Spiel selbst ist nur die Staffage eines gigantischen Showereignisses. Das liegt daran, daß Fußball nicht im luftleeren Raum gespielt wird, sondern im Kapitalismus. Und deshalb ist es logisch und konsequent, den Erfolg zu kaufen. Das war übrigens schon immer so. Denn im Fußball gelten dieselben Regeln wie im übrigen Wirtschaftsleben. Auch die Fußball Doch auch Peter Benz weiß nur zu genau: nur eine gut ausgebaute Infrastruktur kann die Basis für erfolgreichen Ligafußball bilden. Allerdings fehlt es dem SV 98 an den nötigen Sponsoren; und vielleicht zum Glück hat sich keiner der hier ansässigen Großkonzerne daran versucht, aus einer Provinzmannschaft mit kräftigen Investitionen ein erstligareifes Team aufzubauen. Der Gedanke wäre durchaus reizvoll; die Frage ist, ob ein solches Experiment auch genügend Rendite abwerfen würde. Dies ist jedoch das A und O des Fußballs. Ohne Geld kein Erfolg, ohne Erfolg kein Geld. Das Spiel selbst bleibt nebensächlich. Zur Vermeidung von Mißverständnissen noch eine Anmerkung: Fußball ist nicht, wie Ästheten meinen könnten, in seinen schönsten Momenten ein Genuß. Fußball ist auch nicht ein Mannschaftssport, in dem die Regeln des fair play gelten würden. Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Gewalt gehört zum Sport wie Betrug zum Sieg. Im Kapitalismus zählt nur eines der Erfolg. Alles andere sind Mythen, um die Massen glauben zu lassen, es sei ihr Spiel. Dabei bestimmen nicht die Fans die Mannschaftsaufstellung und die Vereinspolitik. Sie sind Konsumentinnen und Konsumenten einer Ware, die es zu vermarkten gilt. Manchmal, aber nur manchmal, gibt es dann die wenigen Momente, in den das
Spiel zu seinem Recht kommt. Doch es ist kein Spiel. Erfolg hat nur, wer sich
bestmöglich verkauft, und vielleicht auch, wer die eigenen Mythen und die
eigene Geschichte am besten präsentiert. Genau deshalb sind die Bayern das
meistgeliebte und gleichzeitig meistgehaßte Team der Republik und genau
deshalb lebt Borussia
Mönchengladbach vom Mythos des underdog, dem der Erfolg in den
70er Jahren mehr als einmal gestohlen wurde. Und während das
Bayern Zwischen 1968 und 1978 machten die beiden Teams 9 von 10 Meisterschaften unter sich aus. Dabei fällt auf, daß der Mythos der Torfabrik vom Bökelberg nur bedingt stimmt. Denn die meisten Tore haben in diesen zehn Jahren die Bayern geschossen. Das wird meist übersehen. Betrachten wir die Spielzeiten zwischen 1968 und 1978 genauer, dann sagt die Statistik:
Deutlicher wird es, wenn wir sehen, daß in sechs Spielzeiten die Bayern mehr Tore geschossen haben, aber nur in drei die Gladbacher, einmal schossen beide gleich viele Tore. Mythen haben jedoch ihre eigene Geschichte und sorgen für eine Verbundenheit mit Vereinen, welche sich für diese in klingender Münze auszahlt. Deshalb stelle ich nun die vier schon erwähnten Bücher zur Geschichte des Fußballs vor. |
Undeutscher ErfolgBesprechung von: Hardy Grüne 100 Jahre Deutsche Meisterschaft. Die Geschichte des Fußballs in Deutschland, Verlag Die Werkstatt, € 28,00
Hardy Grüne, von dem diese einleitende Passage seines Buches 100 Jahre Deutsche Meisterschaft stammt, zeigt, daß und warum dieser undeutsche Sport dennoch eine Chance hatte. Während nämlich das Turnen als stupide Vorbereitung auf den Militärdienst galt, konnte im Fußball wie in anderen damals neumodischen Sportarten (Golf, Tennis, Radfahren ...) Individualität ausgelebt und der Leistungsgedanke gefördert werden. Dennoch dauerte es rund 30 Jahre, bis es in Deutschland einen organisierten fußballerischen Wettbewerb gab. Zwar gab es schon 1892 eine Meisterschaftsrunde eines Bundes Deutscher Fußballspieler, doch diese Vereinigung aus der Frühzeit des Fußballs verschwand schnell wieder in der Versenkung. Erst die Entwicklung der Eisenbahn revolutionierte das Reisen und schuf damit auch die Möglichkeit, daß sich Mannschaften aus verschiedenen Städten gegenüberstehen konnten. Der entscheidende Impuls kam wiederum aus England, das noch im 19. Jahrhundert Meisterschafts und Pokalspiele eingeführt hatte. Dennoch dauerte es einige Zeit, bis verschiedene Regelwerke vereinheitlicht, verschiedene Verbände zusammengefaßt und eine gemeinsame Vorstellung davon entwickelt wurde, was Fußball in Deutschland zu sein hatte. Fußball war zu dieser Zeit ein Studenten und Angestelltensport. Dabei sorgten die Jungs in ihren bunten Trikots oftmals für Gelächter, manche Passanten sprachen gar von Karneval. Natürlich war Sitte und Anstand in Gefahr, doch als sportliche Nische setzte sich der Fußball trotz aller Widrigkeiten durch. Denn es gab ja noch keine Fußballplätze oder gar Stadien; die Torstangen wurden mit zum Spiel gebracht und irgendwie mußte der Spaß ja auch finanziert werden. Die erste reguläre deutsche Meisterschaft wurde 1903 ausgetragen. Dabei steckte der Spielbetrieb in vielen Regionen noch in den Kinderschuhen; Westdeutschland gehörte dem DFB noch nicht einmal an und nur Süddeutschland hatte eine Art Landesmeisterschaft. Jeder Landesverband konnte zwar nur einen Teilnehmer bestimmen, aber die Größe der Verbände variierte. So wurde etwa der Meister von Süddeutschland mit dem Stadtmeister von Magdeburg auf eine Stufe gestellt. Die erste Meisterschaft geriet zum Skandal. Die hochfavorisierte Mannschaft aus Prag (großdeutsche Lösung!) wurde mit Tricks ausgeschaltet und das Endspiel fand mit halbstündiger Verspätung auf einem staubigen Exerzierplatz statt, weil sich kein Ball finden ließ. In den darauf folgenden Jahren entwickelte sich der Fußball aus seiner Nischenexistenz heraus. Bald gab es die ersten Debatten um das Profitum und um das Abwerben der besten Spieler. Schon früh nämlich versuchte man, den Erfolg zu kaufen. Verbotene Siegprämien waren an der Tagesordnung und die Vereine beäugten sich gegenseitig, ob sich der Gegner nicht eines verbotenen Vorteils schuldig machte. Ambitionierte Mäzene, die ihren Verein puschen wollten, gab es schon damals. Nachwuchspflege hingegen nicht. Die Klagen über mangelnde Jugendarbeit sind also gar nicht so neu. Hardy Grüne räumt in diesem Zusammenhang mit zwei weit verbreiteten Legenden auf: Früher fielen mehr Tore, heißt es oft. Zwar stimmt es, daß damals effektiv mehr Tore fielen, doch das war vornehmlich dem krassen Leistungsgefälle innerhalb der Spielklassen zuzuschreiben. Trafen gleichstarke Mannschaften aufeinander, endeten die Spiele allzu häufig wie heute 1:0, 0:0 oder 2:1. [5] Die zweite Legende behauptet, daß randalierende Fans ein Phänomen darstellen, das erst in den 70er Jahren aufgetreten sei. Hardy Grüne kann dem anhand der Fachliteratur und der Zeitungsberichte von damals nur widersprechen. Schon 1913 mußten Spiele aufgrund von Ausschreitungen abgebrochen werden. Mit dem 1. Weltkrieg wird die langsame Entwicklung der Etablierung einer Randsportart schlagartig unterbrochen. Der DFB wie die deutschen Fußballer zogen begeistert in das allgemeine Gemetzel. Festzuhalten wäre noch, daß erst kurz vor dem Krieg so etwas wie Spielkultur aufkam. Neben Versuchen, leistungsstarke Klassen zu schaffen, wurde erstmals, wenn auch oft nur zaghaft daran gegangen, den Fußball zu systematisieren. Nicht weite gebolzte Bälle waren hierbei gefragt, sondern das gepflegte und überlegte Flachpaßspiel. Auf diese Weise wurde die Spielvereinigung Fürth 1914 Deutscher Meister. In gewisser Weise zerschlug der 1. Weltkrieg nicht nur das Deutsche Kaiserreich, sondern auch die Klassenschranken der Fußballvereine. An der Front wurde während der Gefechtspausen in gemischten Offiziers und Soldatenteams zur Auflockerung Fußball gespielt. So kamen nach Kriegsende viele Dörfer erstmals in den Genuß, ein Fußballspiel zu sehen, das die heimkehrenden Soldaten dort austrugen. Die Zahl der Vereine und deren Mitglieder wuchsen; Fußball entwickelte sich zum Massenphänomen. Galten vor dem Krieg 1000 Zuschauer als Riesenkulisse, so kamen 1920 zum Endspiel um die deutsche Meisterschaft 35.000 Zuschauer. Da Fußball damals und noch lange hauptsächlich ein Männersport war, galt dies auch für die Zuschauer. Frauen gab es hier selten. Aber der Massencharakter zeigte, daß die Arbeiterklasse den Fußball für sich entdeckt hatte. Nicht zuletzt war der Fußball auch ein Ventil für den verlorenen Krieg und die dabei erlittenen Gewalterfahrungen. Kriegstraumata konnten hier ausgelebt werden. In den 20er Jahren galt daher der deutsche Fußball international als rauh und hart. Tätliche Übergriffe auf Spieler waren an der Tagesordnung. Gleichzeitig fand eine Professionalisierung der Vereinsführung statt. Der Hamburger Sportverein spielte Fußball nicht mehr zum Zeitvertreib oder zur Stählung des Körpers, sondern zur Unterhaltung des Publikums, zur Befriedigung der Eitelkeit der Sponsoren und natürlich des Erfolges wegen. Der Verein wurde zum Unternehmen. Nur daß die Spieler offiziell kein Geld verdienen durften. Sepp Herberger beisspielsweise wurde Anfang der 20er Jahre gesperrt, weil er beim Vereinwechsel ein Handgeld genommen hatte. Das verkappte Berufsspielertum wurde insbesondere von den süddeutschen Vereinen praktiziert. Im Grunde genommen kam es nur darauf an, sich nicht erwischen zu lassen. [6] Der DFB und seine angeschlossenen Verbände taten sich mit dieser Frage bis in die 70er Jahre schwer. Dabei war es eigentlich logisch. Für Spieler in Spitzenteams [wurde es] zunehmend schwieriger, ihre vielfältigen Verpflichtungen aus Liga und Freundschaftsspielen mit ihren beruflichen Pflichten abzustimmen, ohne dabei Gehaltseinbußen hinzunehmen. So ergab sich fast notwendig die Frage eines finanziellen Ausgleichs. [7] Nach der Inflationszeit kam Mitte der 20er Jahre ein kurzzeitiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufbruch. Erstmals wurden Fußballspiele im Radio live übertragen. Das fand jedoch nicht unbedingt Zustimmung. So schimpfte eine Fußballzeitung: Hat ferner die Fußballbewegung ein Interesse daran, den neuen Typ des auf dem Sofa liegenden, seine Zigarre rauchenden Fußballinteressierten zu schaffen? Wir glauben nein, der richtige Interessent darf auch das schlechte Wetter nicht scheuen. [8] Jahrzehnte später wurden die Zigarrenraucher von den Chipsessern und Biertrinkern abgelöst, als der Siegeszug des Fußballfernsehens begann. Doch auch auf dem Fußballplatz gab es Neues: Die Abseitsregel wurde gelockert; dies sollte den Offensivgeist fördern, führte jedoch paradoxerweise dazu, daß man sich mehr Gedanken darüber machte, wie ein Tor zu verhindern als wie eines zu schießen sei. Der Catenaccio ist so betrachtet kein Phänomen der 60er Jahre. Auch etwas anderes wurde zum Problem: die Anzahl der Mannschaften und Ligen. Je nach Region gab es größere oder viele kleine zersplitterte Ligen, die dann in komplizierten Verfahren ihre Endrundenteilnehmer bestimmen mußten. Da nutzte es dem Hamburger SV wenig, die Stadtmeisterschaft mit zum Teil zweistelligen Siegen zu gewinnen, wenn er anschließend auf im harten Ligaalltag erprobte Mannschaften traf. Es gab 1928 sage und schreibe 62 höchste Spielklassen im Deutschen Reich mit 615 erstklassigen Vereinen! Das förderte die Qualität nun gewiß nicht. Eine Ligareform und die Frage des Berufsspielertums standen auf der
Tagesordnung, als die Nazis die Macht übertragen bekamen. Danach war nichts
mehr wie vorher. Jüdische Sportler und Funktionäre wurden zum Teil im
vorauseilenden Gehorsam aus den Vereinen ausgeschlossen und mußten
eigene Meisterschaften austragen. Statt einer schon damals sinnvollen Reichsliga gab
es 16 Gauligen; Profis entsprachen ohnehin nicht der nationalsozialistischen
Ideologie. Doch das Konzept war erfolgreich; soviele Menschen wie nie zuvor
strömten in die Stadien. Der Beginn des 2. Weltkrieg markierte das Ende dieser
Fußball In den 50er Jahren sah es so aus, als könne es eine Renaissance dieser
alten Fußball Es kamen andere Zeiten. Neben dem Fernsehen mitsamt seiner
Unterhaltungsindustrie wurden dem modernen Großstadtproletariat immer mehr
andere Vergnügungen angeboten. Der Fußball verlor seinen
identifikatorischen Stellenwert. Der Tiefpunkt dann in den 70er Jahren, vor allem nach
dem Bundesliga Hardy Grüne hat mit seinem Buch 100 Jahre Deutsche Meisterschaft eine fundierte, gut lesbare und absolut nicht trockene Geschichte des Fußballs in Deutschland geschrieben. Er macht Zusammenhänge sichtbar und zeigt, warum Fußball ein Massenphänomen werden konnte und wem dieses Phänomen in unterschiedlichen Zeiten in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zugute kam und bis heute auch kommt. Kleinere Exkurse etwa zum jüdischen Fußball, zu Arbeitersportvereinen oder zum Frauenfußball machen den Band besonders wertvoll. Selbstverständlich passiert jede der bisherigen Deutschen Meisterschaften Revue und daher fehlen auch die dazu gehörigen statistischen Angaben nicht. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Es ist im Verlag Die Werkstatt erschienen, hat 558 Seiten und kostet 28 Euro. |
Fußball unter VerwertungszwangBesprechung von : Matthias Weinrich / Hardy Grüne Milliardenliga zwischen Boom und Pleite. Fußball in Deutschland 19982003, Agon Sportverlag, € 25,00 Während die Bundesliga Daher heißt der von Matthias Weinrich und Hardy Grüne
herausgebrachte Band über den Fußball in Deutschland
1998 Ein Jahr später ist als ewiger Zweiter Bayer Leverkusen wieder an der Reihe; immerhin spielt die Mannschaft den schönsten Fußball in deutschen Landen seit den seligen Tagen von Uwe Bein und Anthony Yeboah [9]. Aber wer kann schon für Leverkusen sein? Sein Namensgeber und Besitzer ist ein weltweit für seine chemischen und pharmazeutischen Experimente gefürchteter Großkonzern. [10] Ja, es ist schwer, beim multimedialen Angebot noch eingefleischter Fan eines Fußballmultis zu sein. Und dennoch ziehen die Massen wieder in die Stadien, vor allem deshalb, weil die Vermarkter die Frauen als Zielpublikum entdeckt haben. Die Stadien wurden in den 90ern in Sitzarenen umgebaut, um das richtige Ambiente für eine gelungene Show auch dann zu bieten, wenn die Kickküste wieder einmal äußerst dürftig sind. Matthias Weinrich und Hardy Grüne konzentrieren sich auf den Ergebnisteil dieser fünf Jahre. Alle Spiele mitsamt Tabellenständen werden genauso aufgeführt wie Mannschaftsaufstellungen und Torschützen. Zumindest was die 1. Liga betrifft. Nicht ganz so ausführlich, aber gut nachschlagbar, ist der Überblick über die 2. Liga, die Regionalligen und die Oberligen geraten. Dabei stellt sich heraus, daß der Konzentrationsprozeß im Fußball seine Opfer fordert. Vereine ziehen ihre Mannschaften zurück, steigen freiwillig ab oder werden gleich insolvent. Eine Entwicklung, die folgerichtig ist, aber durchaus schon aus den 50er Jahren bekannt ist. Ein Extrakapitel ist dem DFB Milliardenliga zwischen Boom und Pleite von Matthias Weinrich und Hardy Grüne ist im Agon Sportverlag erschienen, hat 260 Seiten und kostet 25 Euro. |
Fußball ist auch PolitikBesprechung von : Andreas Baingo / Michael
Horn Die Geschichte der DDR Wer hat das erste Tor einer DDRNationalmannschaft gegen ein bundesdeutsches Team geschossen? Jürgen Sparwasser? Falsch! Es war ein gewisser Günter Schröter im September 1959, als die beiden Mannschaften gegeneinander spielten, um den deutschen Vertreter für die Olympischen Spiele 1960 in Rom zu ermitteln. Beide Spiele fanden übrigens vor einer Geisterkulisse statt; denn Zuschauerinnen und Zuschauer waren zur Vermeidung nationalistischer Gefühlsaufwallungen ausgeschlossen worden. [11] Aber wer kennt schon die Grundlagen dieses DDR 1949 startete die DDR ihre eigene Fußball Derartige Kapriolen und es sind noch eine Menge
mehr geben Grund zu der Frage, ob und inwieweit die
Fußball Ansonsten scheint es zwar die eine oder andere leichte Bevorteilung gegeben zu
haben, wie etwa bei Erich Mielkes Club BFC Dynamo Berlin. Schiedsrichter, die etwas
werden wollten, hatten die Wahl, korrekt zu pfeifen, oder politisch korrekt parteiisch zu
sein. Das bedeutet aber nicht, daß die Stasi per Hausmacht die Meisterschaften
automatisch durchsetzen konnte. Mitte der 80er Jahre sorgte Karl Zimmermann als
Generalsekretär des Verbandes dafür, daß Schiedsrichter, die falsch
pfeifen, gnadenlos abgestraft werden. Ihm passierte nichts, aber das Spielgeschehen
rund um den BFC Dynamo normalisierte sich. Vergessen sollten wir hierbei nicht,
daß so manche obskure Entscheidung westlich Andreas Baingo und Michael Horn haben aus all dem ein spannendes Buch auch
für diejenigen zusammengestellt, die den DDR Wer weiß beispielsweise schon, daß Hansa Rostock ursprünglich
Empor Lauter hieß? Harry Tisch, später Chef des Freien Deutschen
Gewerkschaftsbundes, hatte 1954 eine Idee. Da es in
Mecklenburg Die Geschichte der DDR |
Seltsame Spiele unter dem ZuckerhutBesprechung von : Lorenz Knieriem / Matthias Voigt Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien, Agon Sportverlag, € 22,00 Zum Schluß der heutigen Sendung ein wenig internationales Flair.
Während in der DDR der geregelte Oberliga 1946, nach Ende des 2. Weltkrieges, gab es nur zwei Bewerber um die IV.
Weltmeisterschaft. Die Schweiz wurde auf eine angedachte
Zwischen Lorenz Knieriem und Matthias Voigt bringen uns diese etwas merkwürdige Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien mit viel Fingerspitzengefühl und solider Recherche näher. Wir erfahren, warum nur 13 Mannschaften an der WM teilnahmen, was das Besondere am brasilianischen Fußball der damaligen Zeit war, und vor allem, warum es gar nicht so überraschend war, daß Uruguay sich den Titel holte. Schon die Qualifikation zu dieser WM war der Horror. 33 Verbände hatten gemeldet; aber Deutschland und Japan waren aus gutem Grund ausgeschlossen. Dänemark, Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele 1948, verzichtete. Die Dänen sahen als reine Amateure für sich keine Chance gegen die Profis aus England oder Brasilien. Die Sowjetunion und die Ostblockstaaten verzichteten aus ideologischen Gründen, wären in Brasilien aber auch nicht gerne gesehen gewesen. Was bleibt, ist kurios. Schottland qualifizierte sich, verzichtete aber als Zweiter der britischen Gruppe. Wenn man nicht die britische Meisterschaft gewinnen könne, sei man auch nicht würdig, die WM zu gewinnen, so tönten die Schotten hochmütig vor der dann ausgetragenen britischen Meisterschaft. Die Türkei qualifizierte sich ebenfalls, verzichtete aber aus finanziellen Gründen. Damals war eine Turnierteilnahme noch nicht gleichbedeutend mit einem großen Geldregen. Indien wiederum qualifizierte sich kampflos, bestand aber darauf, barfuß zu spielen. Das lehnte die FIFA ab. Die FIFA suchte nun verzweifelt nach Ersatzteilnehmern, fand aber keine. So fand diese WM mit 13 Mannschaften in vier Gruppen statt. Der Modus war obskur genug: zwei Vierergruppen, eine Dreiergruppe und eine Zweiergruppe mit Uruguay und Bolivien. Die Sieger der Gruppen trugen eine Endrunde aus, wobei die Brasilianer bei der Erstellung des Spielplans darauf achteten, ein echtes Endspiel gegen Uruguay zu erhalten und vor allem im heimischen Maracanã zu spielen. Dieses faktische Endspiel verloren sie jedoch unerwartet. Diese Niederlage ist bis heute ein brasilianisches Nationaltrauma. England hingegen, der große selbsternannte Favorit, schied sehr unrühmlich mit zwei Niederlagen aus. Das brasilianische Trauma muß stark gewesen sein. Nie wieder trat eine brasilianische Nationalmannschaft in den damaligen weißen Trikots an, erst vier Jahre später spielte sie wieder im Maracanã. Und wenn Fans aus Uruguay die brasilianischen provozieren wollen, dann reichen vier Ziffern auf einem Transparent: 1950. Sportlich eine Katastrophe, war die WM aufgrund des Riesenstadions in Rio de Janeiro wirtschaftlich gesehen allerdings ein Gewinn. Obwohl das Stadion Maracanã offiziell rund 183.000 Plätze besaß, müssen dem letzten entscheidenden Spiel der Weltmeisterschaft 1950 über 200.000 Menschen beigewohnt haben. Die dadurch verursachten chaotischen Zustände werden im Buch anschaulich wiedergegeben. Lorenz Knieriem und Matthias Voigt haben ein durch statistisches Material und viel Hintergrundwissen angereichertes Buch zur WM 1950 verfaßt. Wären beim Satz nicht kleinere Pannen passiert, würde der schmale 128 Seiten starke Band glatt als Leckerbissen durchgehen, nicht zuletzt durch die minutiöse Aufarbeitung des alles entscheidenden Spiels selbst. Er ist im Agon Sportverlag erschienen und kostet 22 Euro. [12] |
SchlußJingle Alltag und Geschichte heute zum Thema: Düstere Zukunft, glorreiche Vergangenheit oder: der Ball ist rund. Vorgestellt habe ich dabei vier Bücher, die nicht nur das Herz des Statistikers erfreuen, sondern auch in soziologischer Hinsicht zum Verständnis eines Phänomens beitragen, das bei genauerer Betrachtung doch arg seltsam erscheinen muß. Zigtausende in den modernen Arenen des Kapitals und Millionen mehr vor ihren hochauflösenden Digitalfernsehern konsumieren ein Ereignis, bei dem man und frau sich fragen muß, welchen Wert es besitzt. Da laufen in der Regel 22 Figuren hinter einem runden Etwas her, treten sich dabei die Knochen kaputt oder beschimpfen sich, nur um dann, wenn sie Besitz dieses Etwas sind, nichts Besseres zu tun haben, als dieses Etwas möglichst schnell wieder loszuwerden. In gewisser Weise kontrastiert dies die Hatz nach Macht und Profit, die jedoch nie zur inneren Zufriedenheit führt, bestenfalls dazu, noch mehr Menschen für sich einzuspannen und noch mehr Gewalt auszuüben, um noch mehr zu besitzen. Hardy Grüne hat mit seinem Buch 100 Jahre Deutsche Meisterschaft ein in jeder Hinsicht spannend zu lesendes Werk geschrieben. Der Untertitel Die Geschichte des Fußballs in Deutschland ist nicht übertrieben es ist die Geschichte, denn Hardy Grüne bettet das sportliche Ereignis selbst immer wieder in den gesellschaftlichen Zusammenhang ein. Fußball ist zwar auch ein Spiel, aber eben von Anfang an auch und vielleicht hauptsächlich ein kommerzielles Ereignis. Sein Buch ist im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 28 Euro. Derselbe Hardy Grüne hat zusammen mit Matthias Weinrich im Agon Sportverlag den
Band Milliardenliga zwischen Boom und Pleite herausgebracht. Beide Autoren
behandeln hierin den Fußball in Deutschland 1998 Die Geschichte der DDR Oberliga thematisiert einen oftmals belächelten Aspekt deutscher Fußballgeschichte. Doch die beiden Autoren Andreas Baingo und Michael Horn erzählen hierbei mehr als nur das sportive Ereignis. Der Fußball in der DDR gehorchte anderen Regeln als im Westen, war aber dennoch auf seine Weise als Massenunterhaltung erfolgreich. Dieses Buch ist wiederum im Verlag Die Werkstatt erschienen und kostet 29 Euro 90. Und zuletzt habe ich den engen deutschen Rahmen verlassen und ein wenig
Sporthistorie vermittelt. Lorenz Knieriem und Matthias Voigt haben den Band zur
Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien zusammengestellt.
Erheiternde Momente wechseln ab mit Informationen, die zeigen, daß die
Geschichte der Fußball In diesem Zusammenhang und vor allem angesichts des rührseligen Films
von Sönke Wortmann möchte ich auf den in derselben Reihe erschienenen
Band zur Fußball Und wenn ihr mich nun fragt, warum ich angesichts so viel kritischer Kommentierung überhaupt über Fußball rede, dann vielleicht deshalb, weil auch ein kapitalistischer Leistungssport viel zu schade dafür ist, ihn den Managern und Funktionären, den Trainern mit ihren starren taktischen Konzepten und vor allem den profithungrigen Vermarktern zu überlassen. Diese Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte wird am Dienstag nach dem Radiowecker um
8 Uhr und noch einmal am Nachmittag ab 14 Uhr wiederholt. Für
Fragen, Anregungen und Kritik haben wir natürlich ein offenes Ohr oder genauer
gesagt, eine Mailbox. Es ist die 87 00 192 für diese Sendung.
Emails lese ich natürlich auch gerne; hier lautet die Adresse kapitalverbrechen@ |
| ANMERKUNGEN |
| [1] Düsteres Zukunftsbild, Meldung des Sport Informations Dienst (sid), abgedruckt am 29. Dezember 2003 auf Seite 25. Schuldenberg trotz Umsatzrekord, Meldung des sid, abgedruckt am 23. Januar 2004 auf Seite 26. |
| [2] Düsteres Zukunftsbild, Meldung des sid, Darmstädter Echo 29. Dezember 2003. |
| [3] Kurzmeldung im Darmstädter Echo vom 23. Januar 2004. |
| [4] Hardy Grüne : 100 Jahre Deutsche Meisterschaft, Seite 11. |
| [5] Grüne Seite 71. |
| [6] Grüne Seite 118. |
| [7] Grüne Seite 120. |
| [8] Zitiert bei Grüne Seite 148. |
| [9] Es schien im Jahre 1993 so,
als könne Eintracht Frankfurt unter Trainer Klaus Toppmöller endlich
einmal über den eigenen Schatten springen und Deutscher Meister werden.
Doch die Gegner hatten erkannt, was Stärke und gleichzeitig Schwäche
der Eintracht ausmachten: der Torjäger Anthony Yeboah. Und so kamen die
Gegner nach einigen Spielen zu dem nach kapitalistischer Logik absolut sinnvollen
Schluß, Anthony Yeboah so lange zu treten, bis er für einige Monate
verletzt zuschauen mußte. Die Eintracht wurde folgerichtig nur Fünfter;
Meister wurde der FC Bayern. Vergleiche hierzu allerdings auch Ulrich Matheja, der in
seinem Eintracht Frankfurt |
| [10] Ich verweise hier auf die
einschlägigen Seiten der Coordination gegen BAYER |
| [11] Siehe hierzu den Artikel
von Michael Bolten : Wo warst du, als das Schröter |
| [12] So steht auf Seite 82 nicht die Spielstatistik des Finalrundenspiels Schweden gegen Spanien, sondern es wird die Übersicht aus Seite 80 zum Spiel Uruguay gegen Schweden nochmals abgedruckt. Auf Seite 87 führt die satztechnisch eingefügte Spielstatistik zum Spiel Uruguay gegen Brasilien dazu, daß der Spielbericht in der 90. Minute abrupt mitten im Satz endet: "Máspoli fängt einen Eckball und schlägt ab. Da erfolgt der Schlusspfiff und Uruguay jubelt über". Auf Seite 126 heißt es im Begleittext zur wiedergegebenen Titelseite einer Illustrierten: "Link: 13 Nationen waren in Brasilien zu Gast." Kein Schreibfehler: "Link"! Erschwerend hinzu kommt, daß nicht ganz zu Ende gedacht wurde. Brasiliens Mannschaft war ja wohl offensichtlich nicht "zu Gast" im eigenen Land. Auf Seite 127 findet sich Brasiliens Superstadion Maracanã in der abgedruckten Zuschauerstatistik seltsamerweise in Porto Alegre wieder. [Bei so viel Detailkritik frage ich mich natürlich, welch haarsträubende Fehler sich auf meiner Homepage wiederfinden mögen.] |
| [13] Siehe meine Besprechung dieses Buches in einem
Radiowecker |
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