Kapital Verbrechen |
Menschenrechte in der Türkei |
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Inhaltsverzeichnis |
| Kapitel 1 : Einleitung |
| Kapitel 2 : Körber |
| Kapitel 3 : Die neuen Freiwilligen |
| Kapitel 4 : Perspektiven der Zivilgesellschaft |
| Kapitel 5 : Das Militär und Menschenrechtsverletzungen in der Türkei |
| Kapitel 6 : Der Hungerstreik der politischen Gefangenen |
| Kapitel 7 : Isolation ist Folter |
| Kapitel 8 : Das türkische Gefängnissystem |
| Kapitel 9 : Schluß |
| Anmerkungen zum Sendemanuskript |
EinleitungJingle Alltag und Geschichte Vor etwa einem Jahr reiste eine Menschenrechtsdelegation aus Darmstadt in die Türkei, um sich über den Hungerstreik der politischen Gefangenen und über die Repression gegen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter zu informieren. Radio Darmstadt hat hierüber mehrfach berichtet. Konkreter Anlaß der Reise war jedoch das Massaker an politischen Gefangenen im Dezember 2000, die gegen ihre Verlegung die neuen Isolationsgefängnisse vom Typ F Widerstand geleistet hatten und die dagegen in einen unbefristeten Hungerstreik getreten waren. Bei diesem Massaker wurden 28 Gefangene getötet. Warum die Gefangenen Widerstand gegen ihre Verlegung geleistet hatten, hat Susanne Schuckmann, Redaktionsmitglied von Alltag und Geschichte und Mitglied der Menschenrechtsdelegation auf einer Veranstaltung im DGB OTon Susanne Schuckmann : Wir haben ja nicht nur mit Gewerkschaften gesprochen, sondern mit vielen vielen einzelnen Organisationen, mit Rechtsanwaltskammern, mit der Architektenkammer, mit der Ärztekammer, mit dem IHD das ist der Menschenrechtsverein ; und was ich ganz schön fand als Zitat ist eigentlich, was der Menschenrechtsverein gesagt hat das bestätigt auch das, was ich jetzt auch weiter ausführen möchte , was die Architektenkammer und auch die Ärztekammer sagt über die FTypen, über die Einführung, die sagt, daß diese Einführung der FTypen eigentlich die Ideologie des Staates deutlich macht, also manifestiert durch die Architektur alleine, nämlich: die Gefangenen werden isoliert und damit auch ihrer Persönlichkeit beraubt oder sie wird zerstört. Das macht auch ziemlich deutlich die Architektur dieser Gefängnisse. Also, ich weiß nicht, ob Sie oder ihr das draußen mal gesehen habt, diese Lagepläne, wie die aussehen. Die wurden aus dem Gedächtnis der Architektenkammer skizziert, also aufgezeichnet, und machen ziemlich deutlich, was Isolierung eigentlich heißt. Die Häftlinge sehen niemanden, wirklich niemanden, wenn der Wärter das nicht möchte. Es gibt die Dreierzellen und die Einserzellen; also in Dreierzellen sind natürlich jeweils drei Personen, die auf zwei Etagen wohnen, leben, miteinander leben müssen, und haben keinerlei Kontakt zu anderen. Das muß man sich mal vorstellen: man oder frau ist nur mit diesen anderen zwei Personen zusammen. Die Ausstattung der Zellen ist minimalst, Was natürlich auch diese sozialen Zusammenhänge angeht, z.B. denke ich, im ETyp, das ist der Vorgänger oder bzw. das, wo die politischen Häftlinge zur Zeit drinne sitzen, wo die Zellen übervölkert sind eigentlich mit Häftlingen, ist die soziale Kontrolle natürlich wesentlich besser gegeben als Ein Jahr später ist die Situation unverändert. Die politischen Gefangenen wehren sich weiterhin mit einem nun über 400 Tage andauernden Hungerstreik gegen ihre Verlegung in die türkischen Isolationsknäste. Diese sind jedoch nicht isoliert zu sehen. Menschenrechtsverletzungen und Repressalien sind bis heute alltäglich, vor allem für diejenigen, die sich gegen die Auswirkungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik zur Wehr setzen. Aber auch in Kurdistan sieht die Situation nicht besser aus: die ethnische Säuberung geht weiter. Das Thema meiner heutigen Sendung sind daher die Menschenrechte in der Türkei. Für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt begrüßt euch Walter Kuhl. |
Körber
|
Die neuen FreiwilligenDie neuen Freiwilligen heißt auch ein kleines Büchlein von Gisela Notz, in dem sie die Frage untersucht, ob das Ehrenamt eine Antwort auf die Krise sei. Und sie schreibt: Im dritten Sektor, in der Bürgerarbeit, in der Gemeinwirtschaft und in ähnlichen Konzepten werden bisher nicht erschlossene Beschäftigungsmöglichkeiten allerdings wesentlich zum Nulltarif vermutet. [...] Durch die Erschließung nicht Denn diese Hoffnung spricht implizit und explizit aus den Konzepten: Daß Frauen endlich zu ihrer wahren Bestimmung zurückfinden würden [...]. [2] Was stabilisiert werden soll, sind jedoch Orte, die längst in ihrer Zwiespältigkeit entlarvt sind. Familie als Keimzelle bewahren zu wollen, heißt auch, alte Unterdrückungsformen zu bewahren. Selbstorganisation, Basisdemokratie und Aufhebung der patriarchalen Arbeitsteilung sehen die Konzepte nicht vor. Oft sind sie nur neuer Wein in alten Schläuchen oder heißt es alter Wein in neuen Schläuchen? Zudem sind die Arbeiten, die mit diesen Bezeichnungen versehen werden, ganz überwiegend Reparaturarbeiten für die sozialen, gesundheitlichen, psychischen, kulturellen und ökologischen Schäden, die der erste und zweite Sektor produzieren. Frauen sind es, welche die Trümmer immer wieder aufräumen und die Versorgungs und Entsorgungsarbeiten übernehmen, deren sich (die meisten) Männer entledigen. [...] [3] Selbsthilfe, bürgerschaftliches Engagement, Gemeinwesenarbeit oder Bürgerarbeit: Sie sind allesamt keine neuen Arbeitsformen. Es geht darum, Kosten zu sparen, Wunden, die das kapitalistisch Soweit Gisela Notz in ihrer treffenden Analyse des Ehrenamtes unter dem Titel Die neuen Freiwilligen. Das kleine Büchlein ist 1998 im Verlag der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise erschienen und kostet 6 Euro. Doch kommen wir zurück auf das bürgerschaftliche Engagement der Körber |
Perspektiven der ZivilgesellschaftSeit 1992 initiiert die Körber Vor etwa zwei Jahren diskutierten auf dieser Basis in Hamburg deutsche und türkische Politiker, Journalisten, Politikwissenschaftler und auch einige wenige Frauen über die Perspektiven der Zivilgesellschaft, sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der Türkei. Interessant an diesem Symposium war die poltische Bandbreite der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Petra Pau von der PDS und die kurdische Anwältin Eren Keskin saßen auf demselben Podium wie Cem Özdemir von den GRÜNEN, CDU Sie alle diskutierten über Möglichkeiten und Grenzen ehrenamtlichen Engagements in Deutschland und der Türkei, ohne jedoch die wirtschaftlichen und politischen Grundlagen der Militärdemokratie in der Türkei tiefergehend zu untersuchen. Auch wurde die spezielle Rolle der Türkei und ihrer Wirtschaft im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung außer acht gelassen. Die Frage, warum das internationale Kapital und die deutsche und die USRegierung ein Interesse an stabilen Verhältnissen in der Türkei haben, wurde schon gar nicht gestellt. Nun ist das Stichwort Zivilgesellschaft ein netter Begriff, um Illusionen über die Möglichkeiten emanzipatorischer Politik im Kapitalismus zu verbreiten. Insbesondere die GRÜNE Partei ist hier sinnstiftend. Dabei wird davon ausgegangen, daß gerade die Bundesrepublik Deutschland in zivilisatorischer Hinsicht weit entwickelt sei, während die Türkei noch einen größeren Nachholbedarf habe. Dieser bornierte Blick auf die Ungeheuerlichkeiten einer kapitalistischen Marktwirtschaft ermöglicht es, im Namen der Menschenrechte Krieg zu führen und Flüchtlinge abzuschieben. Dieser Politik, bestens vertreten von Joschka Fischer, Rudolf Scharping und Otto Schily haben die GRÜNEN bekanntlich unlängst ihr Vertrauen ausgesprochen. Die GRÜNEN in Darmstadt stellten sich voll dahinter. Doch wie zivil ist eine Gesellschaft, in der Kinder nicht gewollt und Alte abgeschoben werden, in der Frauen immer noch die zweite Geige spielen und in der Menschen nichtdeutschen Passes gerastert, schikaniert und abgeschoben werden? Wie zivil ist eine Gesellschaft, in der Profit alles zählt und ein Sozialstaat nur als Kostenfaktor betrachtet wird? Aber es ist genau diese Gesellschaft, die über die fehlenden zivilisatorischen Errungenschaften in der Türkei richtet. Dabei ist die heutige Türkei ohne die andauernde Unterstützung der türkischen Militärs durch alle Bundesregierungen von Helmut Schmidt über Helmut Kohl bis hin zu Gerhard Schröder gar nicht denkbar. Ich werde auf diesen Punkt noch zurückkommen, wenn ich darlege, daß die Verfolgung Oppositioneller als Terroristen und die Einführung von Hochsicherheitsgefängnissen genau den Erfordernissen eines modernen Staates entsprechen, der in die Europäische Union aufgenommen werden will und soll. Wer aber die Funktion des türkischen Staates (und darin besonders des türkischen Militärs) nicht begreift, nämlich eine im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung abhängige Wirtschaft zu organisieren und Widerstand gegen Ausbeutung und Ausplünderung zu unterdrücken, vermag wenig Sinnvolles zu den Perspektiven einer Zivilgesellschaft in der Türkei beizutragen. Genau dieses Manko zeichnete das 6. Symposium des deutsch In der Türkei gibt es ein Paradoxon. Auf der einen Seite finden wir die Philosophie des starken Staates und einer starken Armee; eines starken Staates, der auch schon mal die Grundrechte beschneidet. Auf der anderen Seite sehen wir einen sehr schwachen Staat. Schwach darin, den Rechtsstaat zu verwirklichen oder seine sozialen Aufgaben wahrzunehmen. Doch genau diese soziale Komponente macht den Staat in der Bundesrepublik Deutschland überhaupt zu einem Staat. In der Türkei fehlt das total. Die Gesellschaft in der Türkei ist reich, aber der Staat ist arm. Es gelingt dem Staat nicht, Steuern einzutreiben. Deshalb verschuldet er sich immer mehr auch der Gesellschaft gegenüber. Der Staat ist viel höher verschuldet als die Gesellschaft in der Türkei. Das hat den Staat noch mehr geschwächt und die Klassenstruktur in der türkischen Gesellschaft zerstört. Es kamen die türkische Mafia und bewaffnete Banden, um dieses Vakuum zu füllen. Was die Menschen beim Staat nicht finden, suchen sie sich bei anderen Gruppen. Anders als in der Bundesrepublik steht in der Türkei ganz oben auf der Tagesordnung, die Hauptfunktionen des Staates zu verwirklichen. Der Staat muß alle Funktionen eines liberalen Staates übernehmen. [5] Genau hier liegt jedoch das Problem. Es werden Behauptungen aufgestellt, für die der Wahrheitsbeweis nicht angetreten wird. Wer sagt denn, daß es die Aufgabe des türkischen Staates ist, Rechts und Sozialstaatlichkeit zu verwirklichen? Wer bestimmt die türkische Politik? Die türkischen Militärs haben 1980 geputscht, um einen gesellschaftlichen Prozeß der Demokratisierung und der Diskussion über die Frage der Verteilung von Macht und gesellschaftlichem Reichtum zu unterdrücken. Es mag ja sein, daß auch für die herrschende Klasse in der Türkei und ihre ausländischen Partner nicht alles optimal läuft, daß es Defizite in Politik und Wirtschaft gibt. Aber das Ziel der türkischen Machthaber ist weder Rechtsstaatlichkeit noch soziales Engagement. Da sich jedoch bestimmte Fraktionen in der Türkei einiges von der Integration in die Europäische Union versprechen, überlegen sie, wieviel Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sie zulassen müssen, um aufgenommen zu werden. Akzeptiert wird ihre Politik hingegen schon heute. An den ethnischen Säuberungen in Kurdistan waren und sind deutsche Waffen und Panzer beteiligt; und Kredite fließen auch dann, wenn Folter und Verschwindenlassen zum türkischen Alltag gehört. Das ist nicht das Problem. Das Problem der Integration der Türkei in die EU ist ein völlig anderes. Nämlich was kostet sie? Und wieviel läßt sich damit verdienen? Hierüber wäre in einem deutsch Der türkische Staat betrachtet die Zivilgesellschaft als etwas Verdächtiges. [6] Und wenn dann noch ein staatstragender Gewerkschaftsvorsitzender wie Salim Uslu sagt, daß viele Rechte in der Verfassung verankert sind. Man darf streiken, Vereine und Gewerkschaften gründen, aber es ist äußerst riskant, von diesen Rechten und Freiheiten Gebrauch zu machen, [7] dann führt uns das folgerichtig zur Verfolgung politischer Oppositioneller und zur gnadenlosen Kriminalisierung von Menschen, die darauf bestehen, ihre sozialen und politischen Rechte wahrzunehmen. Eine Partei wie die GRÜNEN (die ja nun wirklich nicht oppositionell ist) hätte in der Türkei keine Chance gehabt. Insofern ist der deutsch Der in der edition Körber-Stiftung herausgegebene Band über die Perspektiven der Zivilgesellschaft hat schließlich noch zweierlei zu bieten. Erstens sind alle Beiträge zweisprachig abgedruckt und zweitens gibt es einen fast 60 Seiten starken Serviceteil mit einer Übersicht über zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland und in der Türkei. Leider regiert auch hier die politische Gedankenlosigkeit. Neben emanzipatorischen Zielen verpflichteten Gruppen sind hier auch die Adressen rechter, um nicht zu sagen, rechtsradikaler Organisationen abgedruckt. Das kommt davon, wenn man und frau den Begriff Zivilgesellschaft nicht füllt. Der Band kostet 20 Euro. Bei Radio Darmstadt gibt es übrigens zweimal im Monat Nachrichten aus der Türkei und Kurdistan zu hören. An jedem ersten und dritten Mittwoch eines Monats berichten wir ab 17 Uhr über die Fortschritte der türkischen Gesellschaft auf dem Weg in die europäische Integration. Eine Integration übrigens, bei der Verletzung von Menschenrechten nicht besonders schwer wiegen. [8] |
Das Militär und Menschenrechtsverletzungen in der TürkeiOhne daß Joschka Fischer und Rudolf Scharping die Bundeswehr zur humanitären Mission nach Kurdistan schicken würden, verüben türkische Militärs und Paramilitärs weiterhin schwerste Menschenrechtsverletzungen im Südosten der Türkei. Der Landesverband Berlin Auch hier gilt, wie so oft: wer wissen will, was passiert, kann sich durchaus informieren. Helmut Kohl und seine im Aussitzen von Skandalen erprobte Truppe hat jahrelang behauptet, keine Ahnung von nichts zu haben, was türkische Militärs mit deutschen Waffen und Panzern in Kurdistan angerichtet haben. Die blaßrosarot Der Türkei wird seit vielen Jahren ein schlechtes Menschenrechtszeugnis ausgestellt. Seit Jahren führen verschiedene nationale und internationale Menschenrechtsinstitutionen Beobachtungen der Situation in der Türkei durch. Die erstellten Berichte sind allen an diesem Thema Interessierten bekannt. Der für Menschenrechte zuständige Staatsminister Hikmet Sami Türk erklärte im Sommer 1998 in einer Antwort auf eine an ihn im Parlament gestellte Petition, daß der Europäischen Menschenrechtskommission 2.020 Anträge auf Anklage gegen die Türkei vorgelegt wurden. Laut Minister Hikmet Sami Türk sind 503 dieser Anträge von Seiten des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes zu Ungunsten der Türkischen Republik entschieden worden. [9] Das Jahr 1998 war mit Blick auf die Menschenrechte nicht besser als die Vorjahre. Laut IHD Hinzu kommen weitere 30 zerstörte kurdische Dörfer und etwa 2.000 Tote im Zuge des Antiterrorkampfs des türkischen Militärs in Kurdistan. Die von der DFGVK herausgebrachte Broschüre wirft ein Schlaglicht auf die Realität der Entwicklung der vielzitierten Zivilgesellschaft in der Türkei. Der Tod ist in Kurdistan alltäglich, aber wie wir noch sehen werden er ist auch weiterhin eine Methode staatlicher Repression in den Großstädten der Türkei gegen politisch Oppositionelle oder gegen soziale Bewegungen. Der vom türkischen Militär in Kurdistan geführte Krieg hat mehrere Auswirkungen sowohl bei den türkischen Soldaten als auch bei der kurdischen Zivilbevölkerung. Straßen und Felder werden vermint. Soldaten in sinnlosen Einsätzen verheizt. Zivilistinnen und Zivilisten willkürlich zusammengetrieben, gefoltert oder getötet. Natürlich handelte und handelt es sich teilweise um bewaffnete Auseinandersetzungen mit Einheiten der PKK. Doch auch hier werden die elementarsten Grundsätze des Völkerrechts und der Genfer Konventionen mißachtet. Krieg zerstört jedes soziale Bewußtsein und jede Menschlichkeit. Berichte wie der folgende sind alltäglich; und all dies geschieht mit Billigung (und wohl auch Wissen) unserer bundesdeutschen Menschenrechtsregierung, der ja auch unsere Lokalgrünen Finn Kaufmann, Daniela Wagner, Jochen Partsch usw. ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Von Walter Hoffmann und anderen SPD Am Donnerstag hörten wir um 15.30 Uhr Schußgeräusche. Der Kampf dauerte bis 18.30. Danach war Todesstille. Weil wir Angst hatten, haben wir uns nicht aus dem Haus gewagt. Eine Weile später kamen dann die Soldaten und riefen uns nach draußen. Alle Einwohnerinnen und Einwohner versammelten sich auf dem Dorfplatz. Die Soldaten hatten eine Frau und einen Mann mit Guerilla Aus Gesprächen mit ehemaligen türkischen Soldaten geht jedoch auch hervor, daß sich nicht alle Soldaten an diesen Taten beteiligt haben. Es scheint Unterschiede zwischen zwangsrekrutierten einfachen Soldaten und besser gestellten Sondereinheiten zu geben. Doch auf Befehl sind offensichtlich auch die meisten Rekruten zu jeder Schandtat bereit. Nun ist Militär immer auch eine Art von Gehirnwäsche. Dies gehört zur normalen Ausbildung. Ein ehemaliger Soldat erzählt über die Monotonie des Alltags und die psychologischen Mechanismen, die Soldaten darauf zurichten, bedenkenlos zu töten. Die Tage vergingen monoton und langweilig. Trotz aller Mühe umfaßte der tägliche Wortschatz nicht mehr als 50 Worte. Gelegenheit, zu lesen oder allein zu bleiben, gab es so gut wie gar nicht. Du fühlst dich wie ein wertloses Kraut. Genüsse und Gefühle lösen sich regelrecht auf. Das habe ich im Urlaub noch viel besser realisiert. Im Urlaub erschienen mir die ordinärsten Sachen wunderbar. In diesem monotonen Alltag wurde immer das Trio Männlichkeit, Macht und Waffe favorisiert. Es war möglich, das Männerprofil der Türkei in all seinen Facetten zu betrachten. Das Gefühl, erniedrigt zu werden, blieb konstant. Alle wurden erniedrigt. Die eigene Erniedrigung reichte soweit, daß die Erniedrigung von anderen eine Erleichterung und Beglückung war. Wenn beispielsweise einer wegen eines Fehlers verprügelt oder gerügt wurde, bemühten sich alle besonders, diesen Akt mitzubekommen. Die Kommandanten hatten es sowieso darauf abgesehen, derartige Bestrafungen vor den Augen der restlichen Rekruten zu vollführen, um ein Exempel zu statuieren. Die Rekruten reagierten darauf mit Gefühlsausdrücken, als hätten sie einen Orgasmus, anstatt wegen der Erniedrigung ihrer Freunde betrübt oder beklommen zu sein. [12] Solcherart zugerichtete und sich selbst hassende Soldaten befolgen dann auch jeden Befehl; und oft bedarf es nicht einmal eines Befehls, um Menschenrechtsverletzungen mit größter Selbstverständlichkeit zu verüben. Dies ist übrigens nicht einmal ein spezifisches Charakteristikum der türkischen Armee. Das dürfte allerdings weltweiter Standard sein. Dieser Standard hat seine Ursache in der Zurichtung von Jungen und Männern im allgemeinen und im Männlichkeitswahn im besonderen. Dies und mehr ist nachzulesen in der Broschüre Das Militär und Menschenrechtsverletzungen in der Türkei. Die Broschüre wurde vom Landesverband Berlin Die Herausgabe [...] der Broschüre soll vor allem denjenigen türkischen Kriegsdienstverweigerern dienen, die sich im Asylverfahren in der Bundesrepublik befinden. [...] Die Notwendigkeit einer solchen Broschüre ergibt sich vor allem aus den Erfahrungen zahlreicher Asylverfahren. Oftmals erfahren wir von der bevorstehenden Abschiebung eines türkischen Kriegsdienstverweigerers erst, wenn er vor dem Verwaltungsgericht das letzte Rechtsmittel (etwa eine einstweilige Verfügung gegen die Abschiebung) beantragt. [13] Das einzig Ärgerliche an dieser Broschüre sind die türkischen Sonderzeichen, die ganz offensichtlich auf dem Weg vom Computer zum Drucker seltsame Wege gegangen sind. Sprich: man oder frau sollte Texte, die auf dem Mac geschrieben worden sind, nicht auf einem Windoof |
Der Hungerstreik der politischen GefangenenHeute ist der 411. Tag des Todesfastens in der Türkei, des längsten Hungerstreiks politischer Gefangener gegen ihre Haftbedingungen. Weiterhin verlieren Gefangene als Auswirkung der Zwangsernährung ihr Gedächtnis, weiterhin erleiden Gefangene irreparable gesundheitsschäden, weiterhin sterben Gefangene. Die türkische Regierung weigert sich, auch nur zu verhandeln. Statt dessen wirft Justizminister Sami Türk der Anwaltskammer BARO, dem Menschenrechtsverein IHD und anderen Menschen und Organisationen, die eine politische Lösung fordern, vor, sie seien durch ihre Unterstützung des Hungerstreiks schuld am Tod der Gefangenen. Weiterhin behauptet er, die Unterstützerinnen und Unterstützer hätten keine Ahnung von den neu errichteten FTyp |
Isolation ist FolterDoch lassen wir die türkische Staatspropaganda. Selbstverständlich gibt es Erfahrungswerte zu den Isolationsgefängnissen. Sie sind ja nach bewährtem westeuropäischen Standard erbaut worden. Isolationshaft gilt als weiße Folter, und dazu gibt es einschlägige medizinische Befunde. Mehr noch, es gibt hierzu auch wissenschaftliche Forschungsergebnisse, die belegen, mit welcher Zielsetzung derartige Isolationsgefängnisse überhaupt erst gebaut worden sind. Das im vergangenen Herbst im Unrast Verlag erschienene Buch Bei lebendigem Leib stellt diesen Zusammenhang deshalb auch wieder her. Isolation und Isolationshaft sind nämlich ein wissenschaftliches Forschungsprojekt. Das Ziel ist nicht nur, den Widerstand der Gefangenen zu brechen, sondern auch, aus ihnen wieder nützliche Mitglieder dieser in ihren Konsequenzen oftmals asozialen und mörderischen Gesellschaft zu machen. Perfide wird dies, wenn Isolationshaft gegen politische Gefangene eingesetzt wird. Hier soll mit Gehirnwäschemethoden das politische Bewußtsein zerstört werden, das durch Schule, Konsum und Vereinzelung nicht ausgelöscht werden konnte. Die ehemalige politische Gefangene Ilse Schwipper, die am eigenen Leib erfahren mußte, was Isolationshaft bedeutet, stellt zu Anfang des Buches Bei lebendigem Leib das Isolationszellensystem als wissenschaftliches Forschungsprojekt vor. Ohne diesen Zusammenhang ist es in der Tat schwer begreiflich, warum ausgerechnet Isolationshaft die höchste Stufe des Strafvollzugs darstellt. Bevor jedoch ab den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gezielt Folgen der Isolationshaft und Möglichkeiten der manipulativen Beeinflussung isolierter Menschen also Gehirnwäsche untersucht wurde, hatte Isolationshaft schon eine über 100-jährige Geschichte. Ausgerechnet in Philadelphia, wo 1982 Mumia Abu Seit den 50er Jahren wurden in USamerikanischen Forschungslabors gezielt Gehirnwäsche Derartige Isolationsgefängnisse wurden zum Exportschlager. Vor der Einführung der FTypen in der Türkei besuchte eine türkische Delegation Stammheim, um sich sachkundig zu machen. Und gegen dieses Programm richtet sich der Hungerstreik der politischen Gefangenen in der Türkei. Im Gegensatz zur Bundesrepublik oder zu den USA kommt in der Türkei noch ein Willkürfaktor hinzu, den Susanne Schuckmann zu Anfang dieser Sendung kurz angerissen hatte. Wichtig ist, darauf hinzuweisen, daß die neuen Isolationsgefängnisse faktisch als Beitragsbedingung für die Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union gelten. Oder, um genauer zu sein: Da Isolationshaft Folter ist, weiße Folter, nicht sichtbare Folter, aber eine Folter, die gezielt das vegetative Nervensystem angreift, ist Folter demnach ein wichtiges Kriterium für den Eintritt in die westliche Zivilgesellschaft. |
Das türkische GefängnissystemMurat Demir schildert in seinem Beitrag über das Gefängnissystem in der Türkei, daß Entwürdigung der Gefangenen mit zum Programm gehört. Nach dem Militärputsch 1980 kamen zu den vorhandenen Gefängnissen spezielle Gefängnisse auf Militärgelände hinzu. Vorhandene Zivilgefängnisse wurden Militärs unterstellt. In den Gefängnissen herrscht eine militärische Hierarchie. An oberster Stelle stand der Generalstabsrat, diesem untergeordnet waren die Justiz §1: In jeder Lage und in jedem Fall hat der Kommandant recht. Der Journalist Peter Nowak, übrigens auch Mitglied der schon erwähnten Menschenrechtsdelegation, zeigt in seinem Beitrag die Dimension des Gefangenenwiderstandes. Er macht dabei deutlich, daß die türkische Staatspropaganda, die Gefangenen würden von außen gesteuert, an den Haaren herbeigezogen ist. Vielmehr ist es so, daß die Gefangenen es als eine Ehre betrachten, als Teilnehmerin oder Teilnehmer des Hungerstreiks bzw. des Todesfastens durch ihre jeweilige Organisation ausgewählt worden zu sein. Die Gefangenenkämpfe in der Türkei haben eine längere Tradition. Immer wieder konnten einzelne Zugeständnisse dem türkischen Staat abgerungen werden, nichts wirklich berauschendes, nur die allerelementarsten Lebensumstände. Die Erlaubnis etwa, Besuch zu erhalten, die Erlaubnis, Post zu erhalten, die Erlaubnis Bücher lesen zu dürfen. Aber es waren immer harte Kämpfe, Hungerstreiks mit toten Gefangenen und Gefangenen, deren Gesundheit unwiederbringlich zerstört war. Eine adäquate medizinische Versorgung ist selbstverständlich ein Fremdwort. Im Oktober 2000 begannen die Gefangenen daher, die drohenden Vereinzelung und Unterwerfung unter das Isolationsregime vor Augen, mit einem Hungerstreik. Dieser Hungerstreik dauert bis heute an und wird von Angehörigen und Unterstützungsgruppen außerhalb der Knäste unterstützt. Trotz der über 60 Toten als Folge dieses Todesfastens ist kein Ende in Sicht. Justizminister Sami Türk hat ja vor kurzem noch einmal klargestellt, daß es kein Zurück geben wird. Für uns mag das unverständlich sein, wie man und frau dennoch weiterkämpfen kann und will. Aber wer das Buch Bei lebendigem Leib gelesen hat, versteht, daß die Duchgeknallten nicht bei den Gefangenen, sondern im türkischen Staatsapparat und Militär zu suchen sind. Das Massaker vom Dezember 2000, als mehrere Knäste militärisch gestürmt wurden, Bomben abgeworfen und Giftgas eingesetzt wurde, zeigt, wie ernst es der Türkei mit dem Beitritt zur EU und der damit verbundenen Eliminierung jeglichen sozialen und politischen Widerstandes ist. Gefangene wurden kaltblütig erschossen oder verbrannten bei lebendigem Leib. Das ist die Zivilgesellschaft. Passenderweise forderte der GRÜNE Europaparlamentsabgeordnete Daniel Cohn Das alles ist nachzulesen in dem von Peter Nowak und anderen herausgegebenen Buch Bei lebendigem Leib. Es ist im Unrast Verlag erschienen und kostet 13 Euro. |
SchlußZum Schluß der heutigen Sendung mit dem Schwerpunkt der Menschenrechte in der Türkei möchte ich noch einmal kurz die Titel der vorgestellten Bücher und Broschüren nennen: Über Ehrenamt und Bürgerengagement schreibt Gisela Notz in ihrem Buch Die neuen Freiwilligen, das ich für unverzichtbar zur kritischen und reflektierten Auseinandersetzung zu diesem Thema halte. Es ist 1998 im Verlag der Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise erschienen und kostet 6 Euro. Perspektiven der Zivilgesellschaft heißt der 6. Band der Argumente zum deutsch Die Broschüre Das Militär und Menschenrechtsverletzungen in der Türkei ist beim Landesverband Berlin Über das Gefängnissystem und den Gefangenenwiderstand in der Türkei berichtet das im Unrast Verlag erschienene Buch Bei lebendigem Leib. Es kostet 13 Euro. Und wer sich genauer über Isolation als Forschungsprojekt zur Zerstörung der menschlichen Persönlichkeit informieren möchte, der oder dem empfehle ich die dritte Auflage der Broschüre der Bunten Hilfe Darmstadt mit dem mich immer wieder aufs Neue ärgernden Titel Die neuen High Fragen, Anregungen oder Kritik könnt ihr wie immer entweder auf meine Voice Diese Sendung über Menschenrechte in der Türkei wird am Dienstag um 0 Uhr, direkt nach dem Radiowecker mit Holger Coutandin um 8 Uhr und noch einmal nachmittags um 14 Uhr wiederholt. Jetzt gleich folgt Äktschn! mit Jugendlichen aus Darmstadt. Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte auf Radio Darmstadt war Walter Kuhl. |
| ANMERKUNGEN |
| [1] Kurzporträt Seite 15 |
| [2] Gisela Notz : Die neuen Freiwilligen, Seite 4142 |
| [3] Notz Seite 5051 |
| [4] Notz Seite 53 |
| [5] Perspektiven der Zivilgesellschaft, Seite 70 |
| [6] Perspektiven der Zivilgesellschaft, Seite 79 |
| [7] Perspektiven der Zivilgesellschaft, Seite 80 |
| [8] Die Sendereihe AMez Radio wurde im Frühjahr 2003 (vorläufig?) eingestellt. Der Geschichts und Religionswissenschaftler Gazi Çağlar legt in seinem spannenden Buch Die Türkei zwischen Orient und Okzident eine andere Lesart des Begriffs Zivilgesellschaft und ihre Bedeutung in der Türkei nahe. Siehe hierzu meine Besprechung in der Sendung Interpretationen vom 29. März 2004. |
| [9] DFGVK Berlin |
| [10] Das Militär ..., Seite 6 |
| [11] Das Militär ..., Seite 15 |
| [12] Das Militär ..., Seite 85 |
| [13] Das Militär ..., Seite 3 |
| [14] Peter Nowak / Gülten Sesen / Martin Beckmann (Hg.) : Bei lebendigem Leib, Seite 49 |
|
|
| Vorherige Sendung | Nachfolgende Sendung |