Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte
Radio: Radio Darmstadt
Redaktion und Moderation: Walter Kuhl
Ausstrahlung am:
Dienstag, 11. Mai 1999, 17.00 bis 17.55 Uhr
Wiederholt:
Mittwoch, 12. Mai 1999, 00.00 bis 00.55 Uhr
Mittwoch, 12. Mai 1999, 08.00 bis 08.55 Uhr
Mittwoch, 12. Mai 1999, 14.00 bis 14.55 Uhr
Zusammenfassung:
Peter Benz' Auto schont die Umwelt, Selbständige sind häufig Schein, Verfolgung ist kein Asylgrund, Joschka Fischer heiratet, und impotenten Managern wird guter Sex empfohlen. Was die dabei vernutzten Frauen davon halten mögen?
Besprochenes Buch:
Rotraud Perner : Management macht impotent, Orell Füssli Verlag
Playlist:
Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinen Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.
Jingle Alltag und Geschichte
Kapitalismus ist mitunter schon eine drollige Angelegenheit. Um die gesetzlichen Regelungen zu hintergehen, sind manche Leute richtig kreativ. Am vergangenen Samstag wurden die Ladenöffnungszeiten um fünf Stunden verlängert, damit der Standort Darmstadt sich innerhalb der globalen Konkurrenz wieder einmal so richtig ins Gespräch bringt. Um eine Ausnahmegenehmigung für die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten zu erhalten, bedurfte es einer anderen Veranstaltung. In manchen Städten gibt es hierfür traditionelle Marktfeste, in Darmstadt muß Profaneres dafür herhalten: Wie gut, daß es die Automobilausstellung jedes Jahr in der Wilhelminenstraße gibt.
Diese Veranstaltung ist jedoch aberwitzig genug. Darmstädter Geschäftsleute haben mit Unterstützung unseres Herrn Oberbürgermeisters nichts Besseres zu tun, als in einer Fußgängerzone ein Mordwerkzeug zu feiern. Aber so ist Kapitalismus eben – ohne Ethik, ohne Moral. Und darum wird es in dieser Ausgabe von Kapital und Arbeit gehen. Durch die Sendung führt Walter Kuhl.
In seinem Grußwort zur diesjährigen Automobilausstellung ist Peter Benz wieder einmal voll des Lobes:
Vom Raumsparwunder Smart […] bis zum großen Van für Familie und Sport wird allen Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft Rechnung getragen. Das Auto gehört nach wie vor zum wichtigsten Beförderungsmittel und ist das Sinnbild der modernen Gesellschaft, aber auch die Umweltfaktoren kommen nicht zu kurz. […] Ein Drei-Liter-Auto wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Die Emissionen sind rückläufig und unsere Umwelt wird geschont. Noch umweltschonender sind jedoch die Angebote der seit ein paar Jahren integrierten Sonderausstellung Fahrräder.
Ja, das Automobil erfüllt in der Tat alle Bedürfnisse einer modernen Gesellschaft. Als interaktives Spielzeug ist es besser als jedes Computerspiel: Man kann es riechen, weil es so wunderbar stinkt. Es spricht mit einer oder einem, denn es lärmt mit deutlich vernehmbaren Hup und Bremstönen, wobei die vollaufgedrehte Stereoanlage auch nicht zu verachten ist.
Und nebenbei sterben jährlich allein auf Deutschlands Straßen etwa 8000 Menschen. Daß zur Produktion eines einzigen dieser Gefährte etwa 20 Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen werden, scheint unserem Stadtoberhaupt auch egal zu sein. Wenn zur Förderung des lokalen Standort Darmstadt ein globaler Klimakiller Verwendung findet, dann schont dies die Umwelt. Sagt jedenfalls der Herr Benz. Vielleicht ist auch ihm schon einmal aufgefallen, daß es ein stilisierter Rennwagen ist, der das Logo der Automobilausstellung ziert. Außerdem dürften die in der Wilhelminenstraße ausgestellten Karossen dürften wohl kaum zur Kategorie Drei-Liter-Auto zu rechnen gewesen sein.
Nein, es geht nicht darum, die Umwelt zu schonen, wie Peter Benz zur Besänftigung kritischer Stimmen ökologisch vorgaukelt. Es geht um Produktwerbung; ob das Produkt nützlich ist, ist dabei uninteressant. Hauptsache, die Kasse klingelt. Und es soll eine Menge Menschen geben, die nicht täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu anderen Gelegenheiten fahren können. Ein gut ausgebauter und vor allem kostenloser öffentlicher Nahverkehr wäre ja wohl das mindeste. Irgendwie ist es symptomatisch, daß Peter Benz derartig überflüssigen Firlefanz in seinem Grußwort erst gar nicht erwähnt hat. Standortgerecht fährt frau oder man mit einem Automobil oder einem dieser High-Tech-Fahrräder, die unsereins sich ohnehin nicht leisten kann. Fußgängerinnen und Fußgänger werden offensichtlich als notwendiges Übel auf dem Weg zum Konsumtempel Luisencenter gerade mal geduldet. Wie sonst ist es zu erklären, daß die fetten Brummer sich alljährlich in einer Fußgängerzone breitmachen dürfen? Könnten sie nicht statt dessen den Citytunnel oder die Bleichstraße verstopfen? Da gehören sie doch hin!
Wozu sonst baut Darmstadt fleißig Straßen? Straßen, wie zum Beispiel die überflüssige B3-Umgehung, die jetzt schon neuen Verkehr anzieht. Womit wieder einmal erwiesen ist, daß neue Straßen neuen Verkehr bringen. Die Grünen wußten das schon einmal und hatten das vor Jahren in einer Broschüre zur Nordostumgehung auch so geschrieben. Aber an den Fleischtöpfen angekommen, verfettet offensichtlich das Gehirn, und deswegen geraten richtige Erkenntnisse wieder in Vergessenheit. Hans-Jürgen Braun wird es schon richten, daß Darmstadt eine weitere dieser Monstrositäten einer modernen Industriegesellschaft erhalten wird.
Jedes weitere Wort zu dieser ökologischen Katastrophenausstellung möchte ich mir hier für heute ersparen. Interessant ist, daß diese Automobilausstellung zum Vorwand genommen wurde, das Einkaufsparadies Darmstadt wieder einmal ins allgemeine Bewußtsein zu rücken. Nun ist die Obere Rheinstraße noch nicht so recht fertig geworden, aber wen kümmert's? Hauptsache Konsum, Kaufen und Kohle machen. Na ja, mehr Sinn scheint diese Gesellschaft den in ihr lebenden Menschen ja auch nicht bieten zu können. Ich kaufe, also bin ich.
Nun wird so getan, als würde hiermit ein allgemeines Bedürfnis befriedigt werden. Es ist ja so, daß es im Kapitalismus nur eins gibt: den Kundinnen und Kunden ihre Wünsche von den virtuellen Lippen anzulesen und eilfertig das zu liefern, was zur Bedürfnisbefriedigung dient. Also erhalten wir einen wundervoll funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, Gebrauchsgüter mit langer Lebensdauer …
… ach so halt, nein! Ich glaube, da habe ich etwas verwechselt. Also gut, im Kapitalismus geht es um Geld und Profit. Die Diskussion um eine Aufweichung der Ladenöffnungszeiten dreht sich letzten Endes darum, welche Branchen, welche Gewerbegebiete, welche Städte, welcher Einzelhandel mehr oder weniger vom verfügbaren Kuchen erhalten soll. Die Weiterstädter Gewerbegebiete sind dem innerstädtischen Einzelhandel ein Dorn im Auge, und so muß die Kundschaft mit neuen verkaufssteigernden Tricks zurückgelockt werden. Ausbaden werden dies auf jeden Fall die in den Geschäften Beschäftigten. Ihre Arbeitszeiten werden länger und sie können nicht einmal mehr frei über den Rest ihres Wochenendes verfügen. Aber wir müssen eben alle unsere Opfer bringen, damit die Aktien steigen und die Profite sprießen.
Und einige können den Hals einfach nicht vollkriegen. Jetzt maulen sie über die neuen gesetzlichen Regelungen zu den 630 Mark-Jobs und zur Scheinselbständigkeit. Früher war alles so schön. Da hatte man frei verfügbare Arbeitskräfte, die man mit 630 Mark überall da einpassen konnte, wo sie gebraucht wurden. Tarifvertragliche Regelungen interessierten da nicht und soziale Absicherung schon gar nicht. Scheinselbständigkeit war geradezu ideal. Den Profit behalten und die Risiken abwälzen. Und jetzt jammern sie natürlich, daß ihnen die Sahne vom Kuchen genommen wird. Wobei auch klar ist, daß die rot-grüne Koalition nicht gerade einen Anfall von Menschenliebe bekommen hat. Die Koalition mußte das Loch bei der Sozialversicherung stopfen und hat so nebenbei für ein wunderbares Chaos gesorgt.
Sportvereine müssen sich neue Steuertricks ausdenken, wie sie ihre Amateure bezahlen. Biergärten können ja jetzt beim Arbeitsamt anklopfen, ob es nicht einen Zuschuß vom Arbeitsamt gibt. Denn was den Spargelbauern recht ist, ist den Biergärtnern billig. Die Erntehilfe vom letzten Jahr war offensichtlich der Versuchsballon, um Dumpinglöhne jetzt auch in anderen Bereichen zu subventionieren. Chancengleichheit eben für alle – Ausbeuter.
20.000 Flüchtlinge aus dem Kosovo will die Bundesrepublik Deutschland aufnehmen. Jede private Aufnahmebereitschaft aber ist von Staats wegen unerwünscht. Wer Verwandte, Freunde oder ehemalige Arbeitskolleginnen aufnehmen möchte, bekommt von den Behörden die Antwort: das geht nicht. Besuchervisa werden keine ausgestellt.
Aufgrund der Erfahrungen aus dem Bosnienkrieg soll diesmal rigoros verhindert werden, daß mehr Flüchtlinge einreisen. Je länger der Krieg damals dauerte, desto mehr waren die Länder gezwungen, Kosten für Menschen zu übernehmen, die anfangs privat versorgt wurden. Und bei den Kosten hört die Hilfe für Flüchtlinge in Deutschland bekanntlich auf. Das Asylrecht wurde ja auch mehrmals geändert, um sicherzustellen, daß möglichst wenige Flüchtlinge dieses Land betreten. Menschenrechte lassen sich prima überall auf der Welt einfordern; Hauptsache, es kostet nichts.
Die Frankfurter Rundschau berichtete am 20. April [1999], daß in Deutschland lebende Kosovo-Albaner, die bei einer Hotline des Bundesinnenministeriums anrufen, den Rat erhalten: „Ihre Verwandten sind in Mazedonien? Dort funktionieren die Lager perfekt. Da würde ich mich gar nicht mehr darum kümmern, Angehörige nach Deutschland zu holen. Das bringt nur Probleme.“ Noch Anfang dieses Jahres war für die Verwaltungsgerichte und Asylentscheider klar, daß es keine ethnische Verfolgung in Jugoslawien und speziell im Kosovo gibt. Kaum jemand wurde anerkannt. In einem Schreiben des Auswärtigen Amtes an das Verwaltungsgericht Trier vom 12. Januar 1999 heißt es wörtlich:
Albanischen Volkszugehörigen droht in der Bundesrepublik Jugoslawien keine politische Verfolgung, die explizit an die Volkszugehörigkeit anknüpfen würde. […] Nach Erkenntnis des Auswärtigen Amtes sind die Maßnahmen der Sicherheitskräfte in erster Linie auf die Bekämpfung der UCK gerichtet, die unter Einsatz terroristischer Mittel für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpft. […] Nach Angaben des CDHRF kamen im Kosovo-Konflikt bis zum 2.11.98 1326 ethnische Albaner ums Leben […]. Eine Einschätzung des umgekommenen Anteils an reinen Zivilisten [kann] nicht getroffen werden. […] In Jugoslawien gibt es Zufluchtsmöglichkeiten für albanische Volkszugehörige, die vor den bewaffneten Auseinandersetzungen flüchten.
Soweit Joschka Fischers Ministerium zwei Monate vor Beginn des von ihm mitangezettelten Angriffskrieges gegen Jugoslawien. Einen deutlicheren Beweis dafür, wie man sich die Wirklichkeit je nach Bedarf zurechtlügt, gibt es wohl nicht. Um Asylbewerber abzuweisen, wurde Verfolgung geleugnet; um einen Krieg zu rechtfertigen, können die Verbrechen Miloševičs nicht groß genug sein. Um Flüchtlinge und Menschenrechte geht es also nicht.
Und was in Jugoslawien ein Problem ist, das mit Bomben und Raketen gelöst werden soll, ist in der Türkei die Basis freundschaftlicher Zusammenarbeit. Das türkische Militär in Kooperation mit paramilitärischen Sondereinheiten ist Spezialist in der Frage ethnischer Säuberungen. Die Folter ist ständige Praxis auf türkischen Polizeistationen. Höchste Staats- und Sicherheitsorgane sind in Drogengeschäfte verwickelt. Die PDS-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke fragte daher die Bundesregierung nach dem Ausmaß der deutsch-türkischen Zusammenarbeit. Auf die Frage, wie sich die Menschenrechtsregierung Schröder/Fischer die weitere Zusammenarbeit mit der Türkei vorstellt, erhielt sie zur Antwort:
Die Bundesregierung hält eine Zusammenarbeit deutscher und türkischer Sicherheitsbehörden grundsätzlich auch weiterhin für unverzichtbar.
Weshalb das türkische Militär demnächst weitere 200 Spürpanzer des Typs „Fuchs“ erhält. Geschäfte mit Folterern und Mördern erhalten den Standort Deutschland. [1]
Am kommenden Freitag werde ich der Frage nachgehen, wie die Darmstädter SPD, die Grünen und die CDU sich zum NATO-Krieg gegen Jugoslawien verhalten. Mal sehen, welch seltsame Beschlüsse der Parteitag der Grünen in Bielefeld bis dahin beschlossen haben wird. Irgendsoein fauler Kompromiß wird es schon werden. Daß die Grünen ihren Kriegsminister zum Rücktritt auffordern, ist wohl kaum anzunehmen.
Joschka Fischer feierte vor drei Wochen seine vierte Hochzeit im Jagdschloß Kranichstein. Und wir bei Radio Darmstadt standen vor dem Problem: bringen wir das als aktuelle Meldung oder nicht? Verschiedene Redakteurinnen und Vorstandsmitglieder waren da unterschiedlicher Meinung. Hat Joschka Fischer das Recht auf ein Privatleben oder muß er als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens mit Medienpräsenz zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit rechnen?
Vor dem Jagdschloß warteten die Kamerateams mehrerer Fernsehsender, um vielleicht doch noch ein paar Bilder zu erhaschen. Aber ist das ein Argument? Muß Radio Darmstadt vor Ort präsent sein, nur weil andere Sender auch da sind? Ich denke, als Redakteurinnen und Redakteure eines nichtkommerziellen Lokalrundfunks sind wir nicht dazu verpflichtet, alle Unsitten anderer Medien zu kopieren. Wenn, meinetwegen, Schlagersternchen xy nach Darmstadt kommt und dort heiratet, dann finde ich, ist das ihre Privatangelegenheit. Einmal abgesehen davon, daß mir unbegreiflich ist, wieso ein Schlagersternchen eine wichtige Persönlichkeit sein soll, über die besonders breit und wichtig zu berichten wäre. Das gehört doch eher in die Produktion virtueller Realitäten. Paparazzi gibt es anderswo genügend und ich will bei Radio Darmstadt keine haben. Allerdings ist Joschka Fischer kein Schlagersternchen.
Joschka Fischer ist einer der Hauptverantwortlichen für den Angriffskrieg, den die NATO mit Unterstützung deutscher Kampfflugzeuge gegen Jugoslawien führt. Und deswegen versammelten sich am besagten Samstagabend vor drei Wochen etwa zwanzig Demonstrantinnen und Demonstranten vor dem Jagdschloß Kranichstein, um ihrem Protest gegen diesen Krieg lautstark Ausdruck zu verleihen. Als politischer Mensch muß ich sagen, damit haben sie auch Recht gehabt. Wer Bomben auf Belgrad abwerfen läßt und damit die Zivilbevölkerung terrorisiert, hat kein Anrecht auf ein ungestörtes Privatleben. Der muß sich gefallen lassen, wenn seine Feierlichkeiten unsanft in die brutale Realität zurückgeholt werden.
Aber – die Frage bleibt. Muß Radio Darmstadt berichten? Das Problem war auch deshalb akut, weil die Meldung der geheim gehaltenen Hochzeitsfeier der Redakteurin der gerade laufenden Unterhaltungssendung zur Veröffentlichung telefonisch durchgegeben worden war. War das jetzt aktuell und wichtig? Denn es ist ja keine Frage, daß wir unser laufendes Programm unterbrechen, wenn etwas wichtiges in dieser Stadt passiert. Allerdings haben unsere Redaktionen die autonome Entscheidungsbefugnis über ihr Programm. Es kann also niemand und keine kommen und sagen, ihr habt das jetzt gefälligst zu bringen. Wir sind kein diktatorischer Haufen mit Chefredaktion, sondern ein Verein mit demokratischen Prinzipien.
Und deshalb hatte die Redakteurin das Recht, eine aktuelle Meldung über Joschka Fischers Hochzeit im Jagdschloß Kranichstein nicht in ihr laufendes Programm einzublenden. Als politischer Mensch kann ich das bedauern, als RadaR-Redakteur und auch als Vorstandsmitglied muß ich das akzeptieren. Allerdings stellte sich das für diejenigen, die vor dem Jagdschloß demonstrierten, als ein Akt der Zensur dar. Aber das ist in dem Fall ein Problem, was nicht zu lösen ist. Allenfalls im Nachhinein darüber zu diskutieren, um in einer ähnlichen Situation vielleicht flexibler zu sein.
Radio Darmstadt ist nicht nur ein Radio zum Einschalten. Als Schatzmeister muß ich auch nicht immer nur auf die Wichtigkeit der Mitgliedschaft für unsere Unabhängigkeit als lokales Medium hinweisen. Neben dem Zuhören und dem Dazugehören gibt es auch noch die Möglichkeit des Mitmachens. Radio Machen ist keine Hexerei. Und Darmstadt ist eine Stadt, in der viele interessante und berichtenswerte Ereignisse stattfinden. Nicht nur Joschka Fischers Hochzeit im Jagdschloß Kranichstein oder die Jahreshauptversammlung des Hundezüchtervereins.
Und ein Radio wie das unsere ist ein Medium der ganz besonderen Art. Ich sagte es ja schon vorhin, bei uns gibt es keinen Chefredakteur, der Aufgaben verteilt. Manchmal wünschte ich mir, es gäbe einen. Dann würde es vielleicht nicht immer von den zeitlichen und personellen Möglichkeiten der Redakteurinnen und Redakteure der Aktuellen Redaktion abhängen, ob es Lokalnachrichten gibt oder nicht.
Aber wir werden fürs Radiomachen nicht bezahlt. Ehrenamtliche Radioarbeit heißt eben auch, sich dort zu engagieren, wo es einer oder einem Spaß macht. Gegängelt werden wir anderorts ja ohnehin schon zur Genüge. Was mir manchmal fehlt, ist der Blick für's Ganze. Denn Radar stellt denen, die sich auch hier verwirklichen wollen, ja nicht nur das Equipment zur Verfügung, sondern eben auch die Verantwortung, dafür zu sorgen, daß der Sendebetrieb insgesamt läuft. Aber das ist auch eine Chance. Gerade weil so viel brach liegt, gerade weil ungeahnte Möglichkeiten investigativen Journalismus ungenutzt bleiben, können wir auch offen für neue Menschen und neue Ideen sein.
Mit neuen Ideen meine ich, daß wir nicht versuchen sollten zu zeigen, daß wir mit unseren im Vergleich zu anderen Sendern beschränkten Mitteln auch in der Lage sind, seriöses Radio zu machen. Kopien können nie so gut sein wie ein Original. Und ob die Originale wirklich so gut sind, da habe ich auch so meine Zweifel. Und das ist eine Einladung. Es soll Menschen geben, die etwas zu sagen haben. Und wir sind diejenigen, die ein Medium zur Verfügung stellen können. Es muß ja nicht noch eine Sendung wie die meine sein. Möglichkeiten, sich einzubringen, gibt es auch andere.
Die Redaktion Aktuelles geht – nicht immer, aber meist – täglich auf die Suche nach den Originaltönen, die in den abendlichen Lokalnachrichten zu hören sind. Wie entstehen Nachrichten? Was ist wirklich eine Nachricht? Und wie fängt frau oder man sie ein? Hier ergeben sich ganz neue Blickwinkel auch darüber, wie Nachrichten geradezu produziert werden. Die Lokalpolitik ist ein weites Thema, nicht unbedingt auf Darmstadt beschränkt. Über Griesheim oder Pfungstadt, über Seeheim oder Weiterstadt ist bei uns wenig zu hören. Erreichbar sind wir jedoch auch dort. Zum Beispiel über unsere Kabelfrequenzen – die 102,75 für Griesheim, Seeheim-Jugenheim und Roßdorf und die 97,00 für Groß-Gerau und Weiterstadt.
Hier könnten auch die von der Nachrichtenredaktion gewonnenen Informationen vertieft und in einen inhaltlichen Zusammenhang gestellt werden. Warum sich aufs Darmstädter Echo verlassen? Böse Zungen könnten meinen, dann sei frau und man verlassen, aber das möchte ich heute nicht weiter vertiefen. Wer meine Virtuellen Zitronen kennt, weiß, was ich meine.
Einen anderen Schwerpunkt setzt sich die Redaktion Alltag und Geschichte. Sie stellt lokalpolitische Ereignisse in einen globaleren Zusammenhang. Aber alle sind wir keine ausgebildeten Fachleute auf unserem Gebiet. Wie sind keine Ökonomen, können aber trotzdem fundiert zu Wirtschaftsfragen Stellung beziehen. Wir sind keine Historiker, aber vertiefen Inhalte mit einem Gespür und einem Bewußtsein für Geschichte und politische Zusammenhänge.
Vielleicht ist das Schwierigste aber auch, mit uns in Kontakt zu kommen. Dabei sind wir kein eingeschworener Haufen, sondern von unserem Prinzip her offen für neue Leute und neue Ideen. Allerdings – bestimmte Dinge lehnen wir ab; für diese gibt es bei uns keinen Platz: rassistisches, sexistisches und gewaltverherrlichendes Gedankengut wird bei uns nicht geduldet. Und – was vielleicht manchmal auch von Interesse sein kann – als Redakteurinnen und Redakteure von Radio Darmstadt haben wir mitunter die Möglichkeit, als Pressevertreterinnen und Pressevertreter eingelassen zu werden, wo entweder Normalsterbliche außen vor bleiben sollen oder wo Eintritt verlangt wird.
Am Anfang dieser Sendung erwähnte ich die ja schon die von unserem Oberbürgermeister so enthusiastisch gefeierten Segnungen der Automobilgesellschaft. Und dazu paßt auch ein Song, der gerade auf Platz 2 der Darmstädter Hitparade vertreten ist – Rebekka M. mit Can You Hear Me.
Besprechung von : Rotraud A. Perner, Management macht impotent. Abschied vom Mythos Macher, Orell Füssli Verlag 1997, 192 Seiten, DM 39,00
Manche Leute haben Probleme: Macht Management impotent? Rotraud Perner ist dieser Fragestellung nachgegangen. Sie schreibt:
Kleine Jungen wollen welche werden. Kleine Mädchen wollen welche haben: Helden. [… Sie] begleiten uns durch unsere Kinderzeit – reich, stark und mächtig und – männlich. Versager sind nicht vorgesehen. Wenn Jungen und Mädchen größer werden, weichen Prinz und Prinzessin Rambo, 007 und eventuell noch Superman. Ihnen gilt alle Aufmerksamkeit, Frauen sind Stichwortbringerinnen oder bloße Dekoration. […] So wundert es wenig, wenn erwachsene Männer meist über ein Ideal-Ich verfügen, das durchaus in das Schema der klassischen „Erlöser“-Typen paßt: Sie sehen sich dann als Beglücker, Schenker, Beschützer, Retter, Kreuzritter, Berater und Lehrer. Sie wissen dann ganz genau, was für die andere(n) gut ist, drängen es ihnen auf und fordern Dankbarkeitsgesten […. Sie] wissen überhaupt alles besser und das noch vom Katheder herab. Ihre Partnerinnen sehen sie als zwangsbeglückende Tyrannen, die ihnen keinen Lebensraum lassen. [2]
Was hier wie der Anfang einer feministischen Analyse beginnt, endet leider ganz woanders. Die Autorin ist Dozentin für Ganzheitsmedizin und deshalb sucht sie das Problem nicht in der männlichen und kapitalistischen Leistungsgesellschaft, sondern letztlich im Umgang mit dem eigenen Körper. „Lebendig sein und bleiben heißt“, meint Rotraud Perner,
einen adäquaten Austausch zwischen Spannung und Entspannung, zwischen Aufnehmen und Abgeben, zwischen Fortschreiten und Innehalten zu finden. [3]
Nicht, daß das ganz falsch wäre. Aber ein besserer Umgang mit dem eigenen Körper, ein Zulassen von Schwäche oder Ängsten ändert ja nichts an den grundsätzlichen Übeln dieser Gesellschaft. Eher noch schafft dies die Illusion einer Nische, der angeblichen Möglichkeit, sich aus dieser Gesellschaft – zumindest teilweise – ausklinken zu können. Aber dies ist nun wirklich eine Illusion.
Als ausgebildete Psychotherapeutin macht sie den Fehler so mancher Psychologinnen und Psychologen, alles auf der Welt mit sexuellen Unstimmigkeiten erklären zu wollen. Dabei verlieren sie den Blick für die kapitalistische Wirklichkeit. Nicht alles ist sexuell mit Symbolik besetzt, manches ist auch einfach nur – das Streben nach Geld, nach Profit, nach der Essenz, die unsere Gesellschaft beherrscht und am Leben erhält.
Und wie jede gute Psychologin und auch Psychoanalytikerin weiß sie um die Vorteile heterosexueller Paarbildung. Schwule und Lesben werden hier immer noch als Abweichung von der Norm betrachtet; bei Rotraud Perner gibt es sie praktischerweise erst gar nicht. Deshalb schließt sie ihre Betrachtungen über die Impotenz der Manager und Macher, und wie diese sie verlieren können, mit folgenden Worten ab:
Ein Weg, die Polarität zu überwinden, liegt im leib-seelisch-geistig vollständigen Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau: wenn Yang und Yin sich vereinen. Neben dem spirituellen Weg von Meditation und Gebet, dem psychischen der analytischen Psychotherapie, dem körperlichen der physischen Herausforderungen, sei es nun Fasten, Yoga oder eine gezielte monoton „erschöpfende“ Körperaktivität, ist diese Möglichkeit die ganzheitlichste: Körper, Seele und Geist im vollständigen „Erkennen“ aufeinander ausgerichtet.
[…] Gerade für den Macher ist es aber notwendig, sich nicht als großen Allmächtigen zu wähnen, sondern sich bewußt als Teil eines Paares, als kleineren Teil eines Teams und als ganz kleinen Teil im großen Ganzen zu erleben. [4]
Kein Wunder, daß ihre Schlußgedanken dem von ihr so genannten „Sakrament der Sexualität“ gelten. Die Lernaufgabe für Männer, so meint sie, lautet: aushalten, passiv zu sein und Energie aufzunehmen. [5]
Guter Sex und die Welt ist wieder in Ordnung. Naja, Einbildung ist auch eine Bildung, nur keine gute. Und vor allem keine bewußtseinsbildende. Und das erwarte ich von einem guten Buch schon. Das Buch von Rotraud Perner heißt „Management macht impotent“. Es ist im Schweizer Orell Füssli Verlag zum Preis von 39 Mark erschienen.
Diese Buchbesprechung verkürzt gewiß den von der Autorin vorgetragenen Inhalt. Selbstverständlich hat sie eine Vorstellung von befriedigender Sexualität, die sich erheblich von dem unterscheidet, was Medien, Leistungsdruck, Anpassung und Norm von einer oder einem erwarten und verlangen.
Ohnehin war die Autorin empört über meine kurz geratene Darstellung, vor allem über meine Kritik. Auch wenn das Buch weitaus mehr Tiefgang enthält; die Essenz, die ich hieraus gelesen habe, halte ich auch mehr als zehn Jahre nach der hier wiedergegebenen Sendung für legitim. Sollte ich ihr Schreiben in meiner nur unzureichend archivierten Papiersammlung wiederfinden, werde ich auf ihre Kritik näher eingehen. Bis dann … muß der vorliegende Text genügen.
Leider ist die Welt bescheuert genug, um ein solches Lied wie das folgende zu produzieren. Aber für die Manager und Macher ist es sicher passend. [6]
Jingle Alltag und Geschichte
Ja, in Freiheit ist mein Herz leer. Das scheint mir eines der größten Probleme dieser Gesellschaft und der Menschen darin zu sein. Sie haben Angst vor der Freiheit und verlassen sich lieber auf hierarchische Strukturen. Oder versuchen, diesen Strukturen in die Scheinwelt der esoterischen Verführung zu entkommen.
Freiheit ist jedoch die Entscheidung, aus dem, was wir sind und was wir vorgefunden haben, das Beste zu machen. Nicht zu funktionieren, sondern die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß diese asoziale Welt irgendwann einmal auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.
In diesem Sinne verabschiede ich mich. Mein Name ist Walter Kuhl. Im Anschluß an die Lokalnachrichten folgt die Sendung mit dem Gehirnknall – Audiomax. [7]
»» [1] Zu Kosovo und Türkei siehe Antifaschistische Nachrichten Nr. 9 vom 29. April 1999, Seite 11.
»» [2] Rotraud Perner : Management macht impotent, Seite 9.
»» [3] Perner Seite 36.
»» [4] Perner Seite 158.
»» [5] Perner Seite 181.
»» [6] Eingespielt wurde von Doro „In Freiheit stirbt mein Herz“.
»» [7] Anspielung auf den (damals) einleitenden Jingle zur Sendung: „Audiomax – knallt euch das Hirn raus!“
Diese Seite wurde zuletzt am 20. Dezember 2010 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. © Walter Kuhl 1999, 2001, 2010. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
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