Sendung der Redaktion Alltag und Geschichte
Radio: Radio Darmstadt
Redaktion und Moderation: Walter Kuhl
Ausstrahlung in zwei Teilen am:
Montag, 28. November bzw. 12. Dezember 2011, 17.00 bis 18.00 Uhr
Wiederholt:
Montag/Dienstag, 28./29. November bzw. 12./13. Dezember 2011, 23.10 bis 00.10 Uhr
Dienstag, 29. November bzw. 13. Dezember 2011, 05.10 bis 06.10 Uhr
Dienstag, 29. November bzw. 13. Dezember 2011, 11.10 bis 12.10 Uhr
Zusammenfassung:
Mitschnitt eines Vortrags von Ulrich Herbert über den SS-Intellektuellen Werner Best. Lager und noch ganz andere Lager, eine Pogromnacht und eine Plündertour.
Besprochene Zeitschrift:
Mittelweg 36, Heft 4, August / September 2011, und Heft 5, Oktober / November 2011
Zur Neoliberalisierung von Radio Darmstadt und seinem Trägerverein und zur Ausgrenzung mehrerer Mitglieder meiner Redaktion seit 2006 siehe meine ausführliche Dokumentation.
Jingle Alltag und Geschichte
Vor drei Wochen, am 8. November, referierte der Historiker Ulrich Herbert über eine der schillerndsten Nazipersönlichkeiten, nämlich Werner Best. Dieser Theoretiker, Organisator und Personalchef der Gestapo stammte aus Darmstadt, einer Stadt, die schon vor der Machtübergabe an die Nazis ein ziemlich braunes Nest gewesen war. Werner Bests Karriere vor, während und auch nach dem Nazifaschismus ist jedoch nicht nur deshalb von Interesse, weil hier [in Darmstadt] ein lokaler Bezug vorliegt. An Werner Best lassen sich Einstellungen, Verhaltensweisen, politische Agenden und Kontinuitäten bis weit in die Bundesrepublik hinein festmachen. Hierzu diente der Vortrag von Ulrich Herbert, der auf Einladung des Fördervereins Liberale Synagoge im Justus-Liebig-Haus vor knapp einhundert Zuhörerinnen und Zuhörern stattfand.
Von Ulrich Herbert stammt das Standardwerk über diesen Nazitäter, das zuerst 1996 im Bonner Dietz-Verlag herausgekommen und seit März diesen Jahres in 5., überarbeiteter Auflage vorliegt. Den Vortrag mit einer Gesamtlänge von knapp anderthalb Stunden werde ich in zwei Teilen zu Gehör bringen bzw. bringen lassen, denn als Verfemter des Radar e.V. muß ich weiterhin meine Podcasts auf CD einreichen und hoffen, daß selbige dann auch fehlerfrei und ohne technische Artefakte ausgestrahlt werden. Den zweiten Teil könnt ihr auf diesem Sendeplatz am 12. Dezember oder in der Wiederholung am 13. Dezember hören. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.
Doch wenn ich auf die Kontinuitäten der Karriere des Werner Best hinweise, so soll hier ein Verweis auf ganz andere Kontinuitäten nicht fehlen. Denn während sich zum 73. Mal der Jahrestag ereignete, an dem die Synagogen brannten und Jüdinnen und Juden ganz offen verhöhnt wurden, flog eine Neonazi-Connection auf, die nur ein gutsituiertes Bürgertum mit Erstaunen wahrnehmen durfte. Denn überraschend war es nicht, daß eine braune Terrorzelle vom Verfassungsschutz gehätschelt und aufgepäppelt wurde. Nun könnte man oder frau auf die Idee kommen, daß es angebracht sei, Geheimdienste, die mit Neonazis paktieren, aufzulösen. So richtig es ist, alle Geheimdienste aufzulösen und die Überwachung der politischen Linken einzustellen, so unzutreffend wäre jedoch der Hinweis darauf, daß da etwas schief gelaufen ist. Das einzige, was hier schief gelaufen ist, ist, daß die Neonazi-Connection aufgeflogen ist und breit öffentlich thematisiert wird.
Vielleicht sollten wir kurz darüber nachdenken, um welche Verfassung es sich handelt und welchen Auftrag so ein Verfassungsschutz wahrzunehmen hat. Als die sogenannten Väter und wenigen Mütter des Grundgesetzes ihr Regelwerk 1949 verabschieden ließen, zimmerten sie einen juristischen Kanon, der auf eine moderne kapitalistische Gesellschaft zugeschnitten war. Der hierin mindestens implizit enthaltene Klassenwiderspruch drückt sich darin aus, vor wem eine solche Verfassung zu schützen ist, nämlich vor sozialistischen oder kommunistischen Bestrebungen. Rechte, insbesondere menschenverachtende Ideologien und Organisationen sind hingegen voll kompatibel.
Folglich sind Nazis und Neonazis keine Feinde der kapitalistischen Ordnung; der Nationalsozialismus war für das deutsche Kapital durchaus funktional, abgesehen vielleicht davon, daß der imperialistische Mehrfrontenkrieg nicht unbedingt hätte verloren gehen sollen. Folgerichtig werden Verfassungsschützer und Politikerinnen nicht müde darin, den Feind links zu suchen und auf dem rechten Auge – wie es dann heißt – „blind“ zu sein. Diese Blindheit ist jedoch strukturelles Systemmerkmal und keine Fehlentwicklung. Sie entspricht dem Wesen der bürgerlichen Ordnung.
Ich verweise auf die nationalistischen und antisemitischen Hetzparteien mit ihrem völkischen Gedankengut, die Ende des 19. Jahrhunderts stark wurden, als auch die Arbeiterbewegung wuchs. Die Revolution von 1918/19 wurde mit Hilfe terroristischer Freikorps erwürgt, die im Auftrag, mit Wissen und Zustimmung aller bürgerlichen Parteien, inklusive, ja zuvorderst, der Sozialdemokratie, eine Hetzjagd auf alle diejenigen veranstalteten, die nach dem Kriegsbankrott von 1918 nicht zur Tagesordnung übergehen wollten, sondern nach einer anderen, einer friedlichen und solidarischen Räterepublik strebten. Die Weimarer Republik ging anschließend dann auch nicht im Kampf zwischen Rechts und Links zugrunde, wie es die bürgerliche Legendenbildung uns weismachen will, sondern deshalb, weil das industrielle Bürgertum und die Agrarjunker die Nazibanden auf streikende Arbeiterinnen und Bauern losließen, um Löhne zu drücken, Arbeitszeiten zu verlängern und Gewerkschaften zu zerschlagen.
Die Vernichtung von Millionen von Menschen nahm dieses Bürgertum, wenn nicht wohlwollend, das natürlich auch, so doch zumindest zustimmend und billigend in Kauf. Menschenleben zählen nichts, wo der Profit lockt. Abgesehen davon wurde man lästige Geschäftskonkurrenz los und konnte fleißig arisieren.
Nun sind wir in der vereinigten bundesdeutschen Republik weit von derlei Zuständen entfernt, und doch gilt es zu erklären, weshalb die NPD für die Verfassungsschützer dieser Republik so attraktiv ist, daß sie mit Staatsknete finanziert und personell aufgestockt wird. Die NPD war schon einmal – Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre stark gemacht worden; damals galt es, die 68er Jugendrevolte und die sich verbreitenden wilden Streiks zu gängeln. Auch wenn derzeit kein konkreter Zweck staatlich geförderten Neonaziunwesens auszumachen wäre, so erinnere ich hier vorsichtshalber an das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen 1992 und die unzähligen Leichen, die den Weg des Neonazimobs seit 1990 pflastern.
Das Aufwiegeln gesunden deutschen Volkempfindens ging nach der auch hier recht sinnfällig so genannten „Wende“ einher mit dem neoliberalen Angriff auf soziale Errungenschaften. Völkisch-rassistische Diskurse galten sogenannten „Asylanten“, die unser volles Boot entern wollten, wie nicht nur der Mob, sondern auch seriöse Zeitungen skandierten. Sollen diese Migrantinnen und Migranten doch im Mittelmeer ersaufen! Insofern ist die Option der hierzulande herrschenden Klasse, sich eine Neonazipartei zu halten, als eine Option auf eine ungewisse Zukunft zu begreifen. Ob diese Karte je gezogen wird, muß sich zeigen. Die Verflechtungen staatlicher Geheimniskrämer mit jungen wilden Neonazibanden sind jedoch nicht zu übersehen – und gewollt. Blöd ist halt, daß es aufgeflogen ist.
Auch der [zum Zeitpunkt der Sendung gerade aktuelle] Castortransport in das geologisch unsichere Zwischenendlager Gorleben ist ein Muster an kapitalismusfreundlicher Polizeiarbeit. Wehrlose Demonstrantinnen werden gleich von mehreren Polizisten mit Schlagstöcken attackiert, Fotografinnen und Journalisten mit Pfefferspray bearbeitet, um ihnen die Lust an atomkritischer Berichterstattung zu nehmen [1]. So funktioniert eben eine wahre Demokratie.
Und damit komme ich zum Vortrag von Ulrich Herbert über Werner Best. Vielleicht fallen euch beim Zuhören noch weitere Kontinuitäten und Verbindungslinien auf.
Der Mitschnitt des Vortrags liegt online nicht vor.
Mit diesem Kapitel polizeilicher Sozialhygiene werde ich die Ausstrahlung meines Mitschnitts des Vortrags in zwei Wochen fortsetzen. Ihr hörtet den ersten Teil eines Vortrags des Historikers Ulrich Herbert über den Nazitäter Werner Best aus Darmstadt. – Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.
Jingle Alltag und Geschichte
Während die Finanzwelt weiter verrückt spielt, also den ganz normalen kapitalistischen Wahnsinn zum Vorschein bringt, erscheinen die Verbindunglinien zwischen deutschen Geheimdiensten und organisierten Neonazis als immer bizarrer. Welcher Geheimdienst auch immer vor Ort war, als in Heilbronn eine Polizistin erschossen wurde [2], welcher Geheimdienst auch immer das Auftreten von Neonazibanden finanziert, animiert und organisiert hat, deutlich wird, daß sich der Staat als ideeller Gesamtkapitalist eine Option offen hält, die in Zeiten des Zusammenbruchs eines maroden Bankensystems zur Etablierung einer knallharten Schuldenbremsenpolitik auf unserem Rücken womöglich doch wieder benötigt wird. Aber dies ist noch Zukunftsmusik.
Und während zumindest verbal auf die Schuldenbremse getreten wird, damit Menschen wie du und ich keine Ansprüche auf den unermeßlichen Reichtum dieser Welt stellen können, wird ein gigantomanisches Unsinnsprojekt wie Stuttgart 21 durchgezogen, werden mit deutschen Rüstungsexporten und Überwachungstechnologien mehr oder weniger – meist weniger – demokratische Staaten am Leben erhalten und aufgepäppelt – Griechenland zum Beispiel – oder eben Hunderte von Milliarden Euro den steinreichen Aktienbesitzern maroder Banken und Industrien geschenkt. Doch dies alles ist nicht Thema meines heutigen Podcasts bei Darmstadts Vereinsfunk. Am Mikrofon ist Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.
Am 8. November hielt im Justus-Liebig-Haus der Historiker Ulrich Herbert einen Vortrag über einen der übelsten Nazitäter, nämlich Werner Best, der, wie es sich für eine den Tätern gegenüber nachsichtige kapitalistische Gesellschaft gehört, ziemlich ungeschoren davon gekommen ist. Dies mag zum einen der antikommunistischen Nachkriegskonstellation geschuldet sein, doch dies allein reicht als Erklärung nicht aus. Ulrich Herbert wird uns im Verlauf seines Vortrags und der daran anschließenden Diskussion seine Interpretation hierzu vorstellen.
Seinen etwa anderthalbstündigen Vortrag habe ich auf zwei meiner Podcasts verteilt, den ersten Teil konntet ihr vor zwei Wochen auf diesem Sendeplatz hören. In diesem ersten Teil betrachtete Ulrich Herbert, der auch die maßgebliche Monografie über Werner Best geschrieben hat, den Werdegang eines jungen, akademisch gebildeten nationalen Revolutionärs. Werner Best, der zeitweilig als Amtsrichter in Gernsheim seine Vorstellungen von justizieller Gerechtigkeit ausleben durfte, engagierte sich während der französischen Besatzung Rheinhessens in den 1920er Jahren gegen die Sieger des Ersten Weltkrieges und lieferte einige Jahre später mit den Boxheimer Dokumenten eine Folie dafür, wie die Nazis mit ihren politischen Gegnern umgehen sollten. Nachdem die Nazis nach 1933 zunächst die politische Opposition kaltgestellt hatten, wandte sich Best der gesellschaftssanitären Aufgabe zu, das deutsche Volkstum mit repressiver Polizeigewalt sozialhygienisch zu säubern. Und hier steigen wir in den zweiten Teil des Vortrags von Ulrich Herbert ein.
Der Mitschnitt des Vortrags liegt online nicht vor.
Ihr hörtet den zweiten Teil eines Vortrags des Historikers Ulrich Herbert über den aus Darmstadt stammenden Werner Best. Eingeladen hatte zu dieser Veranstaltung am 8. November der Förderverein Liberale Synagoge, dessen Vorsitzender Martin Frenzel in der anschließenden Diskussion zu einigen Punkten noch einmal nachhakte.
Der Mitschnitt der Diskussion liegt online nicht vor. Unter anderem geht es hier um die Frage, ob die Millionen Nazi- und Wehrmachtsangehörigen nicht irgendwie wieder in eine demokratischere Bundesrepublik integriert werden mußten.
Ich bezweifle, daß Millionen von Nazitätern ausgerechnet auf diese Weise mehr oder weniger ungestraft davonkommen mußten, um ein demokratischeres Westdeutschland zu ermöglichen. Dennoch ist der Gedanke realpolitisch nicht ganz von der Hand zu weisen. Was hierbei jedoch vollkommen ausgeblendet bleibt, ist, daß sich der Rechtsnachfolger des Nazireichs bis heute weigert, die volle Verantwortung für die Mord- und Plündertour des Großdeutschen Reichs zu übernehmen, etwa wenn es um die Entschädigung für die mit der Reichsbahn Deportierten oder für die von Wehrmacht und SS in Italien und Griechenland zerstörten Dörfer und massakrierten Menschen geht. Solange die Geste der Erinnerung nicht allzuviel kostet, ist sie wohlfeil, ansonsten tritt auch hier in übertragenem Sinne eine Schuldenbremse in Kraft.
Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 4, August / September 2011, und Heft 5, Oktober / November 2011, 93 bzw. 96 Seiten, je € 9,50
Ulrich Herbert problematisierte vollkommen zurecht, ob es sich bei den in aller Öffentlichkeit errichteten Konzentrationslagern der nationalsozialistischen Frühzeit um den wirklich charakteristischen Lagertypus gehandelt hat.
Die Augustausgabe der Zeitschrift Mittelweg 36 geht hier noch einen Schritt weiter und versucht in mehreren Aufsätzen, diese Unterschiede herauszuarbeiten und hierbei auch die Bedeutung der historischen Vorbilder in einen sinnvollen Kontext zu stellen. So beschäftigt sich der Historiker und Politologe Bernd Greiner mit Lagern im Anti-Terror-Krieg und kommt zu dem nicht wirklich überraschenden Ergebnis, daß im modernen Kampf gegen eingebildete oder auch echte Feinde rechtsstaatliche Bedenken gerne zurückgestellt werden. Nun ist diese Praxis beileibe kein Privileg der US-Kriegsführung, wie man oder frau denken könnte.
Nach der unwidersprochenen Aussage des Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Uhl regieren hierzulande ebenfalls Sicherheitsbeamte das Land. Dies als einen Ausrutscher einer ansonsten intakten Demokratie zu betrachten, geht allerdings an der Sache vorbei. Genau in dieser Melange aus Rechts- und Ausnahmestaat besteht das Wesen moderner kapitalistischer Herrschaft. Jutta Ditfurth hat irgendwo [3] einmal zurecht ausgeführt, daß, wenn alle in Schubladen vorliegenden oder schon beschlossenen Gesetze und Verfügungen gleichzeitig angewendet werden würden, wir in Deutschland in einer Diktatur leben würden. Woraus folgt: es ist schon angerichtet.
Die historischen Vorbilder der Konzentrationslager sind im britischen Burenkrieg in Südafrika um 1900 und schon zuvor bei der spanischen Aufstandsbekämpfung auf Kuba vorzufinden. Dennoch unterscheiden sich diese Lager in vielerlei Hinsicht noch von den Ausbeutungs- und Todeslagern der Nazis, ein Unterschied, der in mehreren Beiträgen dieses Heftes von Mittelweg 36 genau herausgearbeitet wird. Der Militärhistoriker Richard Overy rechtfertigt diese differnzierte Sichtweise mit folgenden Worten:
Die angemessene Kontextualisierung der deutschen KZs verharmlost ihre Rolle als zentraler Ort nationalsozialistischen Terrors nicht, sie macht aber ihre Entstehung und Entwicklung historisch nachvollziehbarer und erlaubt die Konstruktion transnationaler Narrative über Lagerkultur und Lagerterror. [4]
So richtig es ist, die Unterschiede zu kennen, um das Besondere nationalsozialistischer Vernichtungslager herausarbeiten zu können, ohne den dort ausgeübten Terror zu verharmlosen, so ist dennoch festzuhalten, daß Lager in Kolonialkriegen, Gefangenenlager im Ersten Weltkrieg, die stalinistischen Lager in der Sowjetunion, aber auch die Lager in Form strategischer Dörfer bei der neokolonialen Aufstandsbekämpfung auf ihre jeweils eigene Weise unmenschlich und tödlich waren. Die Grenzziehung zwischen massenhafter Todesfolge als Kollateralschaden und intendierter Vernichtung sind hier mitunter nicht einmal klar zu ziehen. Die Historikerin Heather Jones macht allerdings auf einen weiteren Aspekt des Lagerunwesens zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufmerksam. Die Gefangenenlager waren gleichsam ein wissenschaftliches Experimentallabor für Verwaltungspraktiken, Massendesinfektionen und Überwachungstechniken. Zudem dienten sie nicht nur im Hinterland, sondern auch direkt an der Front als Arbeitssklavenreservoir. Es bestand, so schreibt sie,
eine strukturelle Schnittmenge zwischen den Modernisierungsprozessen, die erforderlich waren, um Massenheere zu steuern, und jenen, die man für den Aufbau von Systemen massenhafter Kriegsgefangenschaft brauchte: Große Zahlen von Kombattanten in Schützengräben einzupferchen, um sie dort unter dem Druck der Überwachung durch die Militärpolizei und einer Kultur militärischer Disziplin kämpfen zu lassen, hatte einige Gemeinsamkeiten mit der Zwangsunterbringung großer Zahlen feindlicher Kombattanten in Lagersystemen, die von Wachmannschaften bewacht wurden und ebenfalls einer disziplinarischen Kultur unterworfen waren. [5]
Auch auf dem Griesheimer Sand befand sich ein solches Gefangenenlager, dessen Gefangene in den ersten Kriegstagen von massenhaft angereisten Männern und Frauen begafft wurden. Später starben die Eingesperrten an Hunger, Entbehrung und Krankheiten; ihre Gräber können auf dem Darmstädter Waldfriedhof gefunden werden. – Der Historiker Michael Wildt kann daran anknüpfend aufzeigen, daß die nationalsozialistische Herrschaft eine Lagerkultur hervorgebracht hat, die nicht nur die Vernichtungslager beinhaltete, sondern geradezu als eine Transformationspolitik zu begreifen ist, um eine Gesellschaft in eine Volksgemeinschaft zu verwandeln.
Ulrich Herbert hatte in seinem Vortrag darauf hingewiesen, daß die nationalsozialistischen Täter vielleicht auch dumme Jungs waren, aber eine bestimmte Führungselite durchaus akademisch gebildet und keineswegs einem kleinbürgerlichen Mob entstammte. Der Soziologe Christoph Schneider untersucht daher in einem Aufsatz der Oktoberausgabe von Mittelweg 36 das Narrativ von „ganz normalen Tätern“ oder „ganz normalen Deutschen“ daraufhin, ob mit dieser Entdämonisierung der Täter nicht eine neue Schicht des Verdrängens ermöglicht wird. Nun ist es sicherlich so, daß weder Christopher Browning noch Daniel Jonah Goldhagen eine derartig verdrängende Sichtweise im Sinn hatten, als sie zurecht darauf hinwiesen, daß ganz normale Männer bzw. ganz normale Deutsche als Antisemiten ihr mörderisches Tun ausübten.
Worauf Christoph Schneider jedoch hinauswill, ist, daß die Frage, was eigentlich als normal zu betrachten ist, ungeklärt bleibt. Mehr noch: die in der modernen kapitalistischen Massengesellschaft künstlich immer wieder neu produzierte Pseudoindividualität ermöglicht es, sich von als durchschnittlich oder unscheinbar angesehenen Bevölkerungsgruppen abzugrenzen und damit auch auszuschließen, jemals direkt mit der eigenen, und sei es potentiellen, Täterschaft konfrontiert zu werden. Das Narrativ des ganz Normalen führt zu einer Form von Exklusion, die sich selbst zu beweisen sucht, nicht dazuzugehören. Wobei es sich bei diesen Tätern nicht nur um Männer handelt.
Die Historikerin Anne Kunze legt anhand des Novemberpogroms 1938 im westfälischen Gütersloh schonungslos offen, daß nicht nur Männer Synagogen und Läden zerstörten, sondern Frauen aus der Nachbarschaft hemmungslos jüdischen Besitz geplündert haben. Daß die örtliche Gestapo diese Plünderungen im Gegensatz zu Brandschatzung und Zerstörung tatsächlich als kriminellen Akt verfolgt hat, ist nicht skurril, sondern logisch. Die Plünderungen entzogen nämlich dem Reich Wertgegenstände, die nicht individuell angeeignet werden sollten, sondern volksgemeinschaftlich einzuziehen waren. Überhaupt handelt es sich um einen interessanten Aufsatz, weil er der Frage nachgeht, warum die an die Reichspogromnacht anschließenden Plünderungen der historischen Forschung bislang weitgehend entgangen sind. [6]
Mittelweg 36 ist die Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung und erscheint alle zwei Monate; das Einzelheft kostet 9 Euro 50, ein Abonnement ist möglich und erwünscht. – Am Mikrofon war Walter Kuhl aus der Dissent – Medienwerkstatt Darmstadt.
»» [1] Mit Dank für die Bildlinks an Fefes Blog.
»» [2] Vgl. Waren Verfassungsschützer Zeuge beim Mord an Michèle Kiesewetter?, Stern (online) am 30. November 2011.
»» [3] Jutta Ditfurth : Zeit des Zorns [2009], Seite 32–33.
»» [4] Richard Overy : Das Konzentrationslager. Eine internationale Perspektive, in: Mittelweg 36, Heft 4/2011, Seite 40–54, Zitat auf Seite 41.
»» [5] Heather Jones : Kriegsgefangenenlager. Der moderne Staat und die Radikalisierung der Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg, in: Mittelweg 36, 4/2011, Seite 59–75, Zitat auf Seite 67. Aus Zeitgründen mußte die Ausstrahlung des laut Manuskript geplanten Zitats entfallen.
»» [6] Siehe zu Anne Kunzes Aufsatz die kritischen Anmerkungen von Helmut Gatzen auf hiergeblieben.de.
Diese Seite wurde zuletzt am 10. Januar 2012 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. © Walter Kuhl 2001, 2011, 2012. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
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